Jurywertung:

Verbotene Liebe #4 – Andreas (BX-Team)

Werfen wir schnell einen Blick auf die aktuelle Punktetabelle, bevor wir weitermachen:

Spiegelbild – 6 Punkte
Wüstenkinder – 5 Punkte
Ein unberührtes Leben – 3 Punkte
Der kleine Litauer –  2 Punkte
Tochter der Götter – 1 Punkt
Schattenvater –  1 Punkt

Doch noch ist alles offen und es meldet sich Andreas aus dem BookRix-Team zu Wort:

1. Platz:  „Der kleine Litauer“ von Jurekp

Orthographie und Grammatik

Gelegentlich kommt es zu Flüchtigkeitsversehen, wie etwa das Fehlen eines Kommas oder Buchstabens. Ansonsten ist die Rechtschreibung und Grammatik in Ordnung.

Form und Stil

Der Text erscheint wie eine ausschweifende wörtliche Rede, da hier ein Krankenpfleger seine Erfahrungen einer anderen, zuhörenden Person schildert. Von daher liegt zumeist ein umgangssprachlicher Stil vor, der aber als ausgearbeitet bezeichnet werden kann. Allerdings kommt es wegen eben dieses Stils öfters zu Wiederholungen z.B. von Teilsätzen.

Besonders gelungen ist der dramaturgische Aufbau des Textes. Durch die nach und nach immer zahlreicheren Informationen wird eine immense Spannung erzeugt. Das Erzähltempo passt sich dem wunderbar an.

Kreativität und Gestaltung

Die Idee zu dieser Geschichte ist außergewöhnlich. Hier wird ein psychisches Störungsbild thematisiert, die Multiple Persönlichkeit, die hier aber in ihrer Wirkung genau umgekehrt vorliegt, da sich der Geist des Protagonisten Leonas abwechselnd in zwei physischen Körpern aufhält (siehe Seite 11). Diese bilden ausgerechnet ein eineiiges Zwillingspaar, das aber entgegen der biologisch erzwungenen Norm sowohl aus einem männlichen (Leonas) wie auch einem weiblichen (Irija) Geschwisterchen besteht. Beider Geist erfährt also abwechselnd das Leben aus weiblicher und am folgenden Tag aus männlicher Perspektive. Allein diese Vorstellung (zwei Körper und ein Geist) ist erfrischend kreativ. Da es im Laufe des Lebens der Zwillinge dann auch irgendwann zu einer auf sich selbst bezogenen Liebe kommt (Seite 21), die – von der Außenwelt als Inzest missverstanden – gesellschaftlich verpönt ist, wird somit auch das Wettbewerbsthema auf eine ganz eigensinnige Art behandelt.

Das Coverbild ist nicht nur schön anzusehen, sondern kommt sogar auf Seite 25 in der Geschichte vor. Allerdings ist nicht ersichtlich, woher er stammt.

Fazit

Dieser Beitrag ist außergewöhnlich. Die Textform ist bereits auffallend, aber wirklich verblüffend ist das Grundkonzept des Zwillingspaares Leonas-Irija. Die Vorstellung von einer umgekehrten Multiplen Persönlichkeit eröffnet völlig neue Möglichkeiten, ein Thema wie Geschwisterliebe zu behandeln. Dabei ist erstaunlich, wie tief ins Detail dieses Konzept ausgebaut wird. Da kommen dann etwa die Rechts-Links-Thematik (Seite 16), die Fähigkeit zum Schreiben von Spiegelschrift und das Erfordernis einer Linkshändergitarre für Leonas dazu, sowie die Familiengeschichte. Insgesamt fasziniert diese Existenzform, weil sie einzigartig ist.

Was mich auch beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass der Autor eine fundierte Recherche durchblicken lässt. Dadurch wirkt der Text ganz und gar nicht so, als wäre er einfach mal eben ins Blaue gedacht. Auf Seite 13 wird beispielsweise erklärt, warum eineiige Zwillinge gleichen Geschlechts sein müssen und was medizinisch vorliegen muss, damit diese Norm – zumindest äußerlich – durchbrochen werden kann, was aber dann im Falle von Leonas-Irija gar nicht der Fall ist, weil sie eben so einzigartig sind.

Im Grunde genommen ist der gesamte Text eine Hommage an die Einzigartigkeit. Wir erfahren hier von einem Leben, das völlig anders als das unsere verläuft. Das regt das Nachdenken darüber an, was für Bedürfnisse und Empfindungen andere Menschen haben. Dies ist ein Umstand, den ich an einem Text als sehr löblich erachte.

Alles in allem kann dieser Beitrag also mehr als nur überzeugen. Der Autor hat sich offenkundig sehr viele Gedanken gemacht, wie man aus dem vorgegebenen Wettbewerbsthema etwa rausholen kann, das völlig ungewöhnlich ist. Etwas hadere ich zwar generell mit verschriftlichter Umgangssprache, aber hier passt die fesselnde Erzählung des Pflegers zur atemberaubenden Handlung, sodass dieser Umstand für mich doch in Ordnung geht. Der Beitrag ist etwas ganz Besonderes!

2. Platz: „Spiegel.Bild.Spiegel“ von Zikiwi

Orthographie und Grammatik

Bis auf ein paar fehlende Kommas und zerteilte Verben, die eigentlich zusammengeschrieben werden, ist der Text im Einklang mit den Orthographieregeln.

Was die Grammatik anbetrifft, passt bei einigen wenigen Sätzen die Zeitenfolge nicht ganz, da satt Präteritum das Perfekt zu bevorzugen ist, um ein Vorzeitigkeitsverhältnis in einem ansonsten im Präsens formulierten Satz auszudrücken. Dieser Umstand zieht sich leider durch den gesamten Text. Auf Seite 16 steht außerdem einmalig ein Artikel im falschen Kasus.

Form und Stil

Stilistisch ist der Beitrag recht gut gelungen. Die Wortwahl ist akkurat und vielseitig und Wiederholungen finden sich erfreulicherweise fast gar nicht, nur auf Seite 24 unten mit „Tafel“ und – bezeichnenderweise – „wiederholen“. Das Erzähltempo wirkt recht flott, was mit daran liegt, dass die Geschichte im Präsens berichtet wird.

Kreativität und Gestaltung

Dieser Beitrag erweist sich als äußerst einfallsreich. Hier findet sich eine Mischung aus Mystery-, Fantasy- und Dramaelementen, die auf eine ganz eigenständige Weise miteinander verbunden werden.

Auch beim Ausdruck kommen oftmals originelle Formulierungen vor. Besonders ulkig ist der Satz „Was interessiert es mich, ob das y mit seinem x schläft …“ auf Seite 11, mit dem Klatsch und Tratsch mit Mathematik verwoben wird.

Das Coverbild passt und wirkt sehr künstlerisch. Nur leider erfahren wir nicht, wer es gemalt hat.

Fazit

Der Text ist stilistisch recht gut geraten. Die oben erwähnten Versehen bei Kommasetzung, Zusammenschreibung und Zeitenfolge können den Gesamteindruck nur ansatzweise trüben, da ansonsten alles passt. Die Grundidee ist grandios: Die Liebe zum eigenen Spiegelbild gilt als verpönt und entwickelt sich hier von einer anfänglichen Schwärmerei zur lebensbedrohlichen Manie. Die Art und Weise, wie Motive aus Grusel- und Mysterygeschichten in die Handlung eingearbeitet werden, ist ebenfalls gelungen. Das Geschehen rauscht wie in einem Film an einem vorbei und ist weder zu rasant noch zu langatmig. Die Schilderung wirkt lebendig und einfallsreich, das Hineinsteigern in diese Sonderform einer Beziehung wird somit plausibel und nachvollziehbar.

Insgesamt überzeugt mich dieser Beitrag. Hier wird das Wettbewerbsthema auf eine einzigartige, kreative und unterhaltsame Weise umgesetzt.

3. Platz: „Tochter der Götter“ von Fianna

Orthographie und Grammatik

Dann und wann kommt es zu ein paar Flüchtigkeitsversehen. Auch werden hin und wieder zusammengesetzte Verbformen auseinandergerissen. Ansonsten zeigen sich Rechtschreibung und Grammatik recht ordentlich.

Form und Stil

Der sprachliche Ausdruck ist äußerst angenehm und befindet sich auf recht hohem Niveau.

Sehr gut werden die Emotionen und Motivation der Figur Ceyriel ausgedrückt. Ihre Befürchtungen werden plausibel und anschaulich beschrieben, weshalb man sich gut in sie und ihre Lage hineinversetzen kann. Auch das Erzähltempo ist ideal.

Zum gehobenen Stil passt auch die Anlehnung an ein Zitat aus William Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ auf Seite 13 oben.

Kreativität und Gestaltung

Das Wettbewerbsthema wird hier in eine fiktive Welt gesetzt, in der sich zwei gesellschaftliche Schichten eine Insel teilen. Man fühlt sich leicht in entlegene Regionen der Südsee entrückt, denn die Menschen verfügen weder über Elektrizität noch dampfbetriebene Maschinerie. Vielmehr schuften die „harai“, die Sklaven, ohne Unterlass, während die „Nuralythoi“, die Göttertöchter mit der charakteristischen Haarfarbe, von ihnen bedient werden (müssen). Dieser krasse Gegensatz eignet sich natürlich gut für die Entwicklung einer verbotenen Liebe zwischen den Angehörigen beider Schichten. Insofern ist das Grundkonzept dieses Beitrages eher konventionell. Die überaus detailreiche und phantasievolle Ausgestaltung des Gesamtsettings macht den Beitrag aber sehr vielseitig und anspruchsvoll.

Als strukturiert und den Lesefluss fördernd erweist sich die Variation des Schrifttyps bei den Tagebucheintragungen ab Seite 22.

Der Name „Atrejn“ erinnert ein bisschen an Michael Endes Figur „Atreju“.

Das Coverbild ist passend gewählt. Auch wird ordnungsgemäß erwähnt, wie es entstanden ist.

Fazit

Der Beitrag verfügt zum einen über eine sehr angenehme Ausdrucksweise. Viele Formulierungen wirken ästhetisch und wohlgeformt. Auch sind die Hauptfiguren sympathisch dargestellt. Zum anderen zeigt sich die fiktive Inselwelt komplex und bis ins Details durchdacht. Man hat nicht den Eindruck, dass das Setting mal eben nebenbei ausgedacht, sondern stattdessen aufwändig konstruiert worden ist. Der Konflikt zwischen Ceyriel und der für sie fragwürdigen Ideologie ihrer eigenen Gesellschaftsschicht erscheint plausibel und nachvollziehbar. Ein wenig unklar ist mir nur, ob die „Nuralythoi“ ausnahmslos aus Mädchen bestehen, was der Text stellenweise nahelegt. Dem widerspricht aber Araviels Bericht von den Verlobungsfeiern ihrer Cousinen auf Seite 23.

Insgesamt ist dieser Beitrag gut konzipiert und literarisch erstklassig umgesetzt. Zwar ist der Schluss mit dem Aufbruch von Raskjal und Ceyriel ein wenig vorhersehbar, doch die Thematik des Wettbewerbs wird gut getroffen und der Ausblick mit der Anmerkung, man könne alles lernen, ist hoffnungsvoll.

Neue Punkteverteilung:

Spiegelbild – 6 Punkte
Der kleine Litauer –  5 Punkte
Wüstenkinder – 5 Punkte
Ein unberührtes Leben – 3 Punkte
Spiegel.Bild.Spiegel – 2 Punkte
Tochter der Götter – 2 Punkte
Schattenvater –  1 Punkt

Noch immer ist alles offen und es bleibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wir lesen uns in knapp einer Stunde wieder! 😉