Jurywertung

Verbotene Liebe #5 – Melpomene.

Werfen wir schnell einen Blick auf die aktuelle Punktetabelle, bevor wir weitermachen:

Spiegelbild – 6 Punkte
Der kleine Litauer –  5 Punkte
Wüstenkinder – 5 Punkte
Ein unberührtes Leben – 3 Punkte
Spiegel.Bild.Spiegel – 2 Punkte
Tochter der Götter – 2 Punkte
Schattenvater –  1 Punkt

Nun folgt die letzte Jurywertung. Dieses Mal meldet sich Melpomene zu Wort:

Platz 1: Jurek P, Der kleine Litauer

Liebe als Krankheit – das kennen wir doch aus zahlreichen besseren und schlechteren literarischen Werken: Wie oft werden Liebende wahnsinnig, lassen sich in Messerstechereien verwickeln, landen in der Nervenheilanstalt oder begehen gar Selbstmord! All das kommt in dieser wundervollen, höchst ungewöhnlichen Geschichte von Jurek P vor – und doch findet sich darin keine Spur Melodramatik. Ganz im Gegenteil.

Die Erzählstimme gehört einem Psychiatriepfleger, der das Ganze in nüchtern-lapidarem Gesprächston einem nicht näher beschriebenen Gegenüber berichtet. Ein gelungener Kunstgriff, denn so erfährt der Leser die verrückte Geschichte von Leonas und Irija, die Bruder und Schwester und doch irgendwie dieselbe Person sind, von jemandem, der nur am Rande damit zu tun hatte und sie selbst nicht so ganz kapiert. Dabei bewundere ich, wie der Autor es schafft, genau die richtige Dosis an Umgangssprache, Interjektionen und unvollständigen Sätzen einzustreuen, um das Ganze authentisch wirken zu lassen, ohne zu übertreiben, und die Geschichte überdies mit einer feinen Portion Ironie zu würzen.

Weiterhin baut er die Geschichte raffiniert verschachtelt auf: Über allem steht die Erzählung des Pflegers, der die Geschichte so wiedergibt, wie er sie von Leonas, dem kleinen Litauer, gehört hat. Doch Letzterer erzählt nicht nur aus seiner eigenen Erfahrung, sondern streut auch noch die Geschichte seiner Familie ein, die er wiederum von seiner Großmutter gehört hat. Neben der Perspektive von Leonas gibt es noch die Sichtweise des Psychiaters Dr. Werner, der in wissenschaftlicher Sturheit davon überzeugt ist, dass der Patient einfach nur krank ist. Wer hat nun recht?

Durch die Kapitelüberschriften – zuletzt Auszug und Wiederkehr – wird der Eindruck erweckt, dass das Ganze auf dem Muster einer Quest, also einer Heldengeschichte, beruht. Der Leser kann sich nach dem verblüffenden Ende selbst Gedanken über die Entwicklung machen, die Leonas/Irija durchgemacht hat. Eine eindeutige Erklärung wird nicht serviert, und gerade das gefällt mir.

Orthografisch ist der Text von ein paar Kleinigkeiten abgesehen fehlerfrei. Lobend hervorheben möchte ich auch das Cover, das sogar ein vom Protagonisten gezeichnetes Bild zeigt.

Fazit: „Der kleine Litauer“ ist meiner Meinung nach mit Abstand der originellste von allen Finalbeiträgen, stilistisch und von der Erzählweise hat er mich absolut überzeugt.

Platz 2: Meara Finnegan, Tochter der Götter

Kann Liebe Klassenschranken überwinden oder gar die Grenzen zwischen Sklaven und vermeintlichen Götternachkommen aufheben? Darum geht es vordergründig in dieser recht komplexen Fantasystory. Doch das ist nicht alles: Auf nur 34 Seiten entwirft die Autorin eine komplette Welt und behandelt neben der Liebesgeschichte auch noch Themen wie „historische Wahrheit versus Mythos“ und „Freiheitsstreben versus Angst vor dem Ungewissen“. Fast zu viel Stoff für eine Kurzgeschichte, deswegen ist der Mittelteil, in dem die Protagonistin die Wahrheit über ihre Vorfahren entdeckt, etwas sehr komprimiert geraten. Dennoch finde ich die Idee einer zweiten Liebesgeschichte, in der die Situation der Hauptfigur gespiegelt wird, gut. Gefallen hat mir auch, dass das Verhältnis zwischen den Liebenden nicht idealisiert dargestellt wird, sondern durchaus Konfliktpotenzial birgt: Kann Raskjal Ceyriel wirklich alles anvertrauen? Wird er die Vergangenheit ihrer Vorfahren akzeptieren? Kann sie trotz ihrer praktischen Unzulänglichkeiten eine gleichwertige Partnerin für ihn sein?

Die Geschichte ist überzeugend strukturiert. Von Anfang an wird Spannung aufgebaut und die Handlung vorangetrieben. Auch die Perspektivwechsel sind an den richtigen Stellen eingefügt. Vor allem Raskjals persönlicher Konflikt – er muss viel mehr aufgeben als Ceyriel, die wohl auch vor der Kälte ihrer Familie fliehen will – ist fein herausgearbeitet.

Die Sprache ist dem Fantasygenre angemessen, stellenweise vielleicht etwas schwülstig, aber es geht ja auch um große Gefühle. Mit den Namen hat sich die Autorin große Mühe gegeben, Großschreibung aller Nomen und Weglassen der Kursivsetzung erschiene mir allerdings lesefreundlicher.

Die Orthografie ist bis auf wenige Flüchtigkeitsfehler gut. Das Cover ist einprägsam und passt zum Thema.

Fazit: Gekonnt erzählte und vielschichtige Fantasygeschichte, die berührt und zum Nachdenken anregt.

Platz 3: Roger Jud, Reise zum letzten Paradies
Dies ist eine Geschichte, die man mindestens zweimal lesen muss. Denn so wie der Ich-Erzähler sich zeitweise durch grünes Dickicht kämpft, muss sich der Leser seinen Weg durch ein verwirrendes Labyrinth bahnen. Anfangs eine romantische Naturszenerie, Sehnsucht, Erwartung und endlich die Vereinigung mit der Geliebten, doch auch die Zeit der Zweisamkeit ist durchsetzt von Anspielungen, dass das Glück nicht von Dauer ist. Ihre Liebe ist verboten. Warum? Die Erkenntnis, die sich nach und nach offenbart, ist grauenvoll: Die Liebenden sind bloße Objekte in einem wissenschaftlichen Experiment, und der romantische Titel „Reise zum letzten Paradies“ erhält zum Schluss eine schockierende Bedeutung.

Das Thema wurde originell umgesetzt. Die Liebe ist in diesem Fall der Faktor, der sich von der Wissenschaft nicht berechnen lässt und in gewissem Sinne über die kalte Logik triumphiert. Also enthält die Geschichte trotz des grausamen Endes einen Hoffnungsschimmer: Weil der Mensch lieben kann, wird er sich nie völlig von einer totalitären Ideologie kontrollieren lassen.

Stilistisch ist der Text einerseits beeindruckend, der Autor hat viele gute Ideen, wie zum Beispiel die  neun Inseln und die Lagune, die Adan im Gesicht seiner Geliebten wiederfindet, dann die sorgfältig eingebauten Anspielungen, die erste Erwähnung der Meute in weißen Mänteln, die schon ahnen lässt, dass es sich um Ärzte oder Laboranten handelt. Erschütternd wirkt später der kurze Abriss der traurigen Kindheit des Erzählers. Andererseits fordert gerade die metaphorische Sprache, die in das bildhafte Denken des Savants eintauchen lässt, dem Leser viel Durchhaltevermögen ab. Vor allem den Einstieg fand ich persönlich recht mühsam. Außerdem gibt es sehr wenige Absätze.

Die Auflösung im Kapitel „Reise“ erfolgt in Form eines Dialogs. Das erzeugt zwar mehr Lebendigkeit als beispielsweise ein Aktenbericht, aber ich fand es auch merkwürdig, dass man dem Anstaltsleiter erklären muss, worum es bei dem Projekt ging. Außerdem erkennt man nie genau, wer spricht.

Orthografisch habe ich auch bei diesem Beitrag kaum etwas zu bemängeln. Das Cover gibt wunderbar die Stimmung der blauen Stunde im ersten Kapitel wieder.

Fazit: Außergewöhnlich erzählt und ergreifend. Keine leichte Kost, aber wer sich darauf einlässt, wird mit einer Geschichte belohnt, die noch lange nachwirkt.

Somit wären wir bei der letzten Jurywertung angelangt.
Unsere Punktetabelle sieht wie folgt aus:

Der kleine Litauer –  8 Punkte
Spiegelbild – 6 Punkte
Wüstenkinder – 5 Punkte
Tochter der Götter – 4 Punkte
Ein unberührtes Leben – 3 Punkte
Spiegel.Bild.Spiegel – 2 Punkte
Schattenvater –  1 Punkt
Reise zum letzten Paradies – 1 Punkt

Platz 1. belegte somit „Der kleine Litauer“. Jurekp kann sich folglich über einen Amazongutschein im Wert von 200€ freuen.
Platz 2. belegte Arlynn mit „Spiegelbild“ Ihr Gewinn ist ein Amazongutschein im Wert von 100€.
Und Platz 3. belegte Perfekt. mit „Wüstenkinder“ – Sie kann sich über einen Amazongutschein im Wert von 70€ freuen!
Wir gratulieren den Gewinnern ganz herzlich und bedanken uns bei den Lesern, fleißigen Pokalverteilern, Kommentatoren, Autoren und vor allem den Jurymitgliedern!