Rezension zu „Die Legenden aus Merim – Erstes Buch“ von Stephanie Berth-Escriva

„Geschichten sind dazu da, neu geschrieben zu werden.“

 

Vor einer Weile wurde hier im Blog bereits das überaus sympathische Kinderbuch „Ein geheimnisvoller Gmork“ von Stephanie Berth-Escriva vorgestellt. Nun habe ich mir ihr Werk „Die Legenden aus Merim“ angeschaut. Dabei handelt es sich um einen Fantasy-Roman mit einer imposanten Gesamtlänge von über 700 BookRix-Seiten. Ich kann jetzt schon verraten, dass ich ihn sehr gerne gelesen habe.

Buchcover Stephanie Berth-Escriva "Die legenden aus Merim - Erstes Buch"Zunächst fällt die angenehme und Augen schonende Ausgestaltung der Buchseiten auf. Wen der doch beträchtliche Umfang des Werkes womöglich abschrecken sollte, dem sei gesagt, dass Zeichensatz und -größe sehr gut lesbar sind. Ebenso stimmig ist die Auswahl der Hintergrundgrafik, die den Text dezent umrahmt, sodass das Schmökern zum visuellen Genuss wird. Das unaufdringliche Waldmotiv, das die Zeilen einschließt, passt außerdem wunderbar zum Inhalt der Geschichte. Anzumerken ist dabei, dass das Bildmaterial ebenfalls von Stephanie Berth-Escriva angefertigt worden ist.

Der Roman handelt von zwei verfeindeten Menschenvölkern. Da sind zum einen die Bréschènia, die in Merim, einem riesigen, nahezu undurchdringlichen Urwald, leben. Zum anderen erfahren wir von den Elben, die das an Merim angrenzende Gebirge bewohnen. Wir lernen einige ihrer jeweiligen Anführer kennen und werden Zeuge ihrer kriegerischen Geplänkel. Eine außergewöhnliche Figur ist Mronda, die Prinzessin der Bréschènia, denn sie verfügt über eine besondere Gabe. Doch nicht nur Gefechte bestimmen das Geschehen in diesem Roman. Wesentlich mehr erfahren wir von den Einzelschicksalen der Protagonisten, deren Handeln nicht zuletzt durch ihre Familiengeschichte bestimmt wird. Es geht um Traditionen und die Möglichkeit, aus diesen auszubrechen, um als eigenständiger Mensch existieren zu können.

Stilistisch gesehen, zeigt sich viel Licht und ein kleines bisschen Schatten. Letzterer besteht vor allem aus sporadischen Flüchtigkeitsfehlern bei Orthographie und Grammatik. Auch Häufungen identischer Wortstämme können gelegentlich beobachtet werden. Mehr gibt es nicht zu bemängeln.

Der verbale Ausdruck ist insgesamt sehr abwechslungsreich und verfügt über ein gehobenes Niveau, das perfekt zum mittelalterlich anmutenden Setting passt. Bisweilen erscheint er recht künstlerisch und gepflegt, geradezu graziös, elegant. Es ist deutlich wahrnehmbar, wie intensiv die Autorin am Text gefeilt hat. Die eine oder andere Formulierung wirkt etwas eigensinnig. Das dürfte wohl der Tatsache geschuldet sein, dass die Autorin in Frankreich lebt und die dortige Landessprache syntaktisch und idiomatisch auf ihr Deutsch abgefärbt hat. Allerdings ist dieser Umstand nicht unbedingt von Nachteil, sondern oftmals eine Bereicherung, denn manche Redewendungen bekommen dadurch sogar sehr schöpferische, innovative Züge.

Das Erzähltempo ist flüssig. Die einzelnen Szenen werden detailreich und ausführlich geschildert, ohne langatmig zu wirken. Die Perspektive wechselt häufig, ohne dass dadurch Verwirrung entsteht. Die Figuren erscheinen mit interessantem Charakter, vielschichtig und eigenwillig. Der Gesamteindruck ist also ein sehr positiver.

Auf BookRix finden sich weiterführende Informationen zu den „Legenden aus Merim“. So gibt es nicht nur eine Diskussionsgruppe, sondern auch eine kurze Auflistung der enthaltenen Eigennamen und Erläuterungen zu diesen in Buchform. Vor allem Letztere ist sehr hilfreich, um sich vorab ein Bild von der fiktiven Welt zu machen, in die man beim Lesen des Romans eintaucht.

Buchcover Stephanie Berth-Escriva "Die Legenden aus Merim - Helden und Orte"So viel Hingabe seitens der Autorin macht natürlich unglaublich neugierig darauf, wie das Buch wohl entstanden sein könnte. So schreibt Stephanie Berth-Escriva in ihrer Gruppe zu den Anfängen des Werkes: „Ich kann mich erinnern, dass ich an einem Nachmittag nach der Schule mich in das Wohnzimmer meiner Eltern mit einem Schreibblock gesetzt hatte, mit einer Schallplatte mit Beethovens Musik im Hintergrund und fing an, die ‚Legenden aus Merim‘ zu schreiben.“ Dass sie Klassik als Inspirationsquelle benutzt hat, verwundert bei einem derart feinfühligen Schreibstil ganz und gar nicht.

Mir persönlich gefällt an den „Legenden aus Merim“ vor allem, dass sie nicht die übliche, im Fantasy-Genre oftmals stark übertriebene Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse bieten, auch wenn Verlauf der Handlung so manche erbarmungslose Schlacht geschlagen werden muss. Stattdessen beinhalten sie eher Tiefsinniges, vielerlei emotionale und politische Verstrickungen, die sich nicht sofort an der Oberfläche offenbaren und erklären. Sie entfalten sich nach und nach. Das hat natürlich zur Folge, dass man sich zu Anfang eine Weile lang in das Geschehen einlesen muss, um zu ergründen, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln. Enttäuscht wird man dabei jedoch keineswegs.

Das Buch ist ab 14 Jahren freigegeben, was angesichts der einen oder anderen ansatzweise freizügigen Szene sinnvoll ist. Der Preis von 3,49€ für den Download ist dagegen zu billig, wenn man Seitenzahl, Inhalt und Ausarbeitung berücksichtigt. Mehr wäre durchaus gerechtfertigt gewesen. So ist zu hoffen, dass die „Legenden aus Merim“ ein möglichst breites Publikum erreichen. Verdient haben sie es auf alle Fälle, denn sie sind nicht nur für gestandene Fantasy-Fans eine sehr gute Empfehlung.

 

ISBN: 978-3-7309-0418-3

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