Rezension zu „Hinter dem Licht da tanken die Glühwürmchen“ von Nora Scholz

Bezaubernde Kurzprosa

 

Buchcover Nora Scholz "Hinter dem Licht da tanken die Glühwürmchen"Eine ganz frischgebackene BookRix-Userin ist Nora Scholz. Sie hat uns auch prompt mit einem interessanten Buch beglückt, das nicht nur durch seinen etwas extravaganten Titel auffällt. Auch ansonsten hat es so einiges „in sich“, im wahrsten Wortsinne.

Das Ganze hat stattliche 118 Seiten, auf denen sich 14 kurze Prosatexte tummeln. Zu behaupten, diese wären ungewöhnlich, käme einer ziemlichen Untertreibung gleich, denn das Adjektiv beschreibt nicht den tatsächlichen Grad des Ungewöhnlichen, das sich einem beim Lesen offenbart. Man fühlt sich wie in einem Wirrwarr aus verbalen Farben, in das man hineingeworfen wird. Schillernde Wellen aus immer neuen Metaphern und wilden Assoziation schwirren dann an einem vorbei, als ob man sich in einem Unwetter befände. Kaum eine Formulierung findet sich, die man als „alltäglich“ bezeichnen könnte. Manche Protagonisten ergreifen einen Lichtstrahl und klettern daran mehrere Meter aufwärts. Gedanken lodern in Köpfen und versuchen, Gegenstände in Brand zu stecken. Eine Angst kann so aussehen wie das, was Eulen ausspucken. Und in der Art saust man von einem Wortspiel zum nächsten.

So ist „Tripleungeheuer“ der Handlung nach die Beschreibung eines Verbrechens, das der Mörder, der seine Zelle mit einer ganzen Zivilisation von Spinnen teilt, noch mal Revue passieren lässt. Dabei stellt er fest, dass sich die verwendete Tatwaffe im Körper seines Opfers Margarete ebenso leicht herumdrehen lässt wie ein Messer in Margarine. Überhaupt hat Margarete auffallend viele Gemeinsamkeiten mit Margarine. Nach und nach wird aus seinen Erinnerungen ersichtlich, dass in ihm selbst ein Kampf stattgefunden hat, eine innere Zerrissenheit wegen einer besonderen Bindung zu seiner Schwester und seiner Liebe zur Schreiberei, die Margarete durch ihr belangloses Gehabe mehrfach stört. So überzeugt ihn schließlich der eine Teil seiner Gedanken, das zu beschützen, was ihm wichtig ist.

In „Götterspeise“ ist zunächst das gleichnamige Dessert das Thema, worauf es allerdings ohne erkennbaren Übergang mit der Frage nach dem Sterben weitergeht. Die Protagonistin stellt fest, dass sie eine Kugel im Herzen trägt, die ihr dort ein Mann hingeschossen hat. Sie denkt darüber nach, wie es wohl ist, wenn man stirbt. Ihr Kopf liegt schon auf dem Tisch, und anstatt zu sprechen, kommt nur ein rötliches Geblubber aus ihrem Mund. Da taucht der Schütze wieder auf und greift unvermittelt nach der Kugel in ihrem Körper, um sie wieder herauszuholen. Also stirbt sie doch nicht. Es bleiben ihr nur die Gedanken an das eben Erlebte.

So eigenwillig, wie sich der sprachliche Ausdruck hier gibt, so schwer ist er einzuordnen. Eigentlich lässt er das gar nicht zu, was ich als echte Innovation ansehe. Man kann diese Texte nicht richtig fassen, und das in mehrfacher Hinsicht. Unweigerlich versucht man, hinter das Rätsel dieser wirrbunten Schleier zu kommen, und bemerkt, wie die Bilder und Formulierungen in einem zu arbeiten beginnen, ein Erlebnis, das ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Abgesehen von ein paar fehlenden Kommas habe ich nichts auszusetzen. „Hinter dem Licht da tanken die Glühwürmchen“ ist ein Sammelsurium literarischer Kuriositäten, das man sich auf jeden Fall anschauen sollte. Ob man es auf Anhieb versteht, ist eine andere Sache. Aber das Ausmaß an Kreativität, das sich hier bietet, sprengt jede Skala. Und das will was heißen.