Rezension zu „Nahe“ von Monochrom

„Worte wie Stücke aus Leben“

 

Buchcover Monochrom "Nahe"Gelegentlich ist es verblüffend, was man beim Stöbern auf BookRix so alles entdecken kann. Der Autor „Monochrom“ hat mit seiner Kurzgeschichte „Nahe“ einen Text veröffentlicht, der in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich ist. Und genau aus diesem Grunde möchte ich ihn Euch heute vorstellen.

Nahe“ beginnt damit, dass ein Mann unvermittelt Zeuge einer Explosion wird. Diese scheint sich nur ein paar Straßen weiter zu ereignen. Ohne darüber nachzudenken, sucht er den Ort des Geschehens auf, beobachtet die Flammen, die Farben, in die der abendliche Himmel nun getaucht wird, die Reaktionen der Schaulustigen; er lauscht den Geräuschen und sieht zu, wie ein Wohnhaus in sich zusammenfällt. Nach einiger Zeit geht er davon. Er kommt nach Hause und setzt sich zu seiner Frau aufs Sofa. Sie beobachtet das Inferno ebenfalls, aus der Ferne, im „Fern“-Sehen. Schließlich stellt er fest, dass die Eindrücke anders sind, wenn man sie aus der Nähe wahrnimmt.

In die eigentliche Handlung werden stets wiederkehrende Absätze eingeschoben, die das Geschilderte hinterfragen und analysieren. Diese heben sich durch konsequenten Einsatz der Kursivschrift und variierter Erzählzeit deutlich vom fortlaufenden Text ab. Sie enthalten bisweilen sehr tiefgründig philosophische Fragestellungen, etwa nach der Art und Weise, wie wir Informationen verarbeiten, warum wir einander helfen, was uns zu einer Gesellschaft macht etc. „Nahe“ bietet somit zwei Ebenen der Beschäftigung mit dem Erlebten.

Stilistisch ist der Text ebenfalls ungewöhnlich. Der Autor neigt hie und da zu einer sehr technischen Ausdrucksweise. So werden Geräusche als „Dezibelanhäufungen“ umschrieben und ein wohl etwas zu molliger Vierbeiner muss sein „Gewicht der Gravitation entgegenhalten“. Diese Art der Wortwahl entzückt jedoch durch ihre Unverbrauchtheit und lässt den kreativen Akt ihrer Entstehung erahnen.

Dann und wann finden sich ein paar vereinzelte Wortwiederholungen und fehlende Satzzeichen. Man ist beim Lesen allerdings mehr damit beschäftigt, die Eindrücke zu verarbeiten, weshalb diese Missstände zweitrangig sind. „Nahe“ stimuliert die eigene Phantasie insofern, als dass man sich zwangsläufig fragt, wie man selber in einer solchen Situation fühlen und agieren würde. Was tut das mit einem, wenn man ihm so nahe ist? Wird man sich bewusst, wie lebendig man ist, wenn doch in der nächsten Sekunde alles vorbei sein könnte? Möglicherweise sind die eingeschobenen Absätze in Wahrheit die Gedanken des Protagonisten, die er sich erst Tage später, im Schutz der zeitlichen „Ferne“ über das Inferno macht.

Monochrom bietet mit seiner Kurzgeschichte ein Feuerwerk an Eindrücken, Wahrgenommenes und Reflektiertes, Reales und Ersonnenes, Nahes und Fernes. Der Text hallt noch lange nach, da er sich nicht so leicht in eine bestimmte Kategorie zwängen lässt. Er kommt wieder ins Gedächtnis und sorgt dort für immer neue Sichtweisen auf das Leben selbst.

Erlebenswert!