Rezension zu „Winter“ von Lothar Gunter

Alles eine Frage der Zeit

 

Lothar Gunter "Winter"Winter“ heißt eine Kurzgeschichte aus dem Repertoire des Autors Lothar Gunter. Da sich während des Abfassens dieser Rezension die kalte Jahreszeit immer weiter nähert, ist mir der Titel wohl zwangsläufig ins Auge gesprungen. Allerdings kann sich der Text auch ohne entsprechende Außentemperaturen sehen lassen.

Wir lernen zunächst einen Protagonisten kennen, der zusammen mit einer gewissen Anna in einem Mietshaus lebt. Er verbringt den Vormittag mit Hausarbeit und Besorgungen, trifft Nachbarn und ansässige Händler und beobachtet voller Ehrfurcht die waghalsigen Manöver der Mitarbeiter der Stadtwerke, die in zwei Bäumen überschüssige Äste beseitigen. Doch an diesem Tage geschieht noch etwas Außergewöhnliches, das allerdings letztlich – so stellt er fest – nur eine Frage der Zeit gewesen ist.

Die kalte Jahreszeit hat in dieser Kurzgeschichte einen tieferen Sinn. Sie bildet nicht nur eine meteorologische Rahmenbedingung für die Handlung, sondern dient auch als Symbol, dessen Bedeutung sich erst am Ende erschließt. Bis dahin webt der Autor geschickt Anspielungen auf die eigentliche Aussage in das ansonsten alltäglich anmutende Geschehen ein, die zwar wie beiläufig eingestreut wirken, jedoch in ihrer Gesamtheit ein perfekt ausgearbeitetes Bild ergeben. Da ist von der vereisten Straße die Rede, von Amphibien, die einen künstlich herbeigeführten, mehrwöchigen Kälteschlaf unbeeinträchtigt überstanden haben, und dann schwebt unweigerlich die Frage durch den Raum, ob das für Menschen nicht auch möglich sein könnte, ob man nicht auf diese Weise die Lebenserwartung drastisch erhöhen könnte. Das Ende der Geschichte gibt vor diesem Hintergrund zu denken.

Winter“ ist ein beeindruckender Text, da er nicht nur vorzüglich ausformuliert ist, sondern auch dazu beiträgt, die Zeit intensiver wahrzunehmen und zu genießen.

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