Sand im Zeitmaschinengetriebe

Jurywertung – die Fünfte

Ihr wartet sicher schon alle sehnsüchtig darauf: jetzt geht´s weiter mit der Jurywertung:)

Aber erstmal schauen wir wie immer, wie der aktuelle Punktestand so aussieht:

susymah: Der dreizehnte Schädel 7

Vivian Angelique: Diamanten der Zeit 4

Juli Weiß: Die Sanduhr der Schattenstreicher 3

Melpomene: Wimpernschläge 3

Elisabeth Alicia Lorey: Sound of Time 3

Brigitta Wullenweber: Animusa 2

wolfseibert (W), lillekat (L), robustus (R), buechereimaus (B):The Dreamers Inn 1

Reggi67: IFTT 1

Sookie A. Jupiter: The Time-Cab 0

Crinwell: Maries letzte Stunden 0

Hollly: Juliette 0

Alessa S. Liat: Windgeflüster 0

Jana Oltersdorff: Am Anfang und am Ende 0

Brigitte R.: Kurzes Glück 0

Katja Zwieselfuss: Wo sind alle hin? 0

Dann schauen wir uns mal an, wie der nächste Juror, Andreas, geurteilt hat. Er hat sich die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht und sich eine fundierte Meinung über die einzelnen Bücher gebildet…hier seht ihr zu welchem Ergebnis er gekommen ist:

Platz 1: Brigitta Wullenweber
Animusa

Orthographie und Grammatik

Der Text ist größtenteils fehlerfrei. Einige komplexe Sätze halten zwar die vom Lehrbuch vorgegebene Zeitenfolge nicht ein, was jedoch ein von der Autorin bewusst eingesetztes Stilmittel ist, um die temporale Allgegenwart, bzw. Zeitlosigkeit der Protagonistin zu beschreiben.

Form und Stil

Der sprachliche Ausdruck bewegt sich auf einem hohen Niveau. Immer wieder erscheinen Formulierungen, die den Leser überraschen, wie etwa „Eines Tages, mitten außerhalb dessen, was …“ auf Seite 5 oder „Die Geburt … war eine Tortur, die ihresgleichen suchte und in den Personen ihrer Eltern und den Umständen fand.“ auf Seite 7.

Kreativität und Gestaltung

Der Beitrag ist von der ersten bis zur letzten Seite eine kreative Meisterleistung. Nicht nur die Idee, die gesamte Existenz einer Seele als Zeitreise aufzufassen, sondern vor allem die vielen ungewöhnlichen und außerordentlich innovativen Formulierungen verblüffen im positiven Sinne, wirken sie doch stets frisch und aufgeweckt.

Natürlich ist die Reinkarnationslehre nichts, was nicht schon irgendwann einmal Thema einer Geschichte gewesen wäre, aber diese Art der Umsetzung bringt den Stoff zu einer neuen Blüte.

Für die grafische Gestaltung benutzt die Autorin nur eigenes Material.

Persönliches Fazit

Dieser Beitrag zeigt beispielhaft, was mit dem Medium Sprache möglich ist. Es ist ein stilistischer Höhenflug von einem Ausdruckswunder zum nächsten. Das Wettbewerbsthema ist hier auf interessante Weise umgesetzt.

Der Text zeigt nicht nur eine perfekte Ausarbeitung, sondern vielmehr auch eine Liebe zum Detail und eine deutlich wahrnehmbare spielerische Experimentierfreudigkeit bei seiner Ausgestaltung, die man zwischen den Zeilen erahnen kann.

Für besonders erwähnenswert halte ich auch die Titelwahl. „Animusa“ existiert in dieser Form (noch) nicht, ist aber wohl bewusst aus „Animus“ und „Anima“ nach C. G. Jung abgeleitet, soll aber durch die Aneinanderreihung zweier Genusendungen sowohl den männlichen als auch weiblichen Aspekt beinhalten, was aus einer Textstelle auf Seite 8 hergeleitet werden kann, in welcher es heißt: „Sie lebte ihr Leben in Männerkörpern und in solchen von Frauen, …“ Leider ist so ein ganzheitliches Verständnis der menschlichen Seele etwas, vor dem sich die Öffentlichkeit gerne ein bisschen scheut.

Platz 2: Melpomene
Wimpernschläge

Orthographie und Grammatik

Der Beitrag ist bis auf vereinzelte Flüchtigkeitsversehen fehlerlos.

Form und Stil

Der sprachliche Ausdruck bewegt sich auf angenehmem und sehr gepflegtem Niveau. Auch der Aufbau des Textes mit seinen vielen Einschüben, in welchen aus der Vergangenheit erzählt wird, lässt eine sorgfältige Konzeption und Ausarbeitung erkennen.

Kreativität und Gestaltung

Dieser Beitrag verbindet einen Aspekt der Kunstgeschichte mit Elementen des Mystery-Genres. Leonardo da Vinci hat hier eine Zeitmaschine in seinem wohl berühmtesten Gemälde verborgen. Die Mona Lisa, die seit jeher ihre Betrachter in einen ganz eigentümlichen Bann versetzt, wird somit also zum Vehikel ihres genialen Schöpfers, der sich in ihr durch die Zeiten bewegt.

Sehr gut gelungen sind die vielen Rückblenden, in denen einzelne Begebenheiten aus der bewegten Historie des Gemäldes berichtet werden, da sie oftmals auch in die Unterhaltung der beiden Hauptfiguren in der Gegenwart mit einfließen. Dadurch gestaltet sich der Text sehr lebendig und abwechslungsreich.

Schön ist auch die Erwähnung des „Sandkorns“ auf Seite 5, womit sofort ein Bezug zum Wettbewerbsthema hergestellt wird. Ebenso treffend ist der Titel der Geschichte, der sowohl mit den Gesichtszügen der Mona Lisa wie auch schließlich mit  der Erklärung zu Leonardos Wahrnehmung in Verbindung steht.

Persönliches Fazit

Stilistisch lässt dieser Beitrag kaum Wünsche offen. Die Wortwahl ist äußerst ausgefeilt und die Idee, das merkwürdige Lächeln der Mona Lisa zum Thema zu machen, eröffnet natürlich viele Möglichkeiten, eine extravagante Handlung zu entwickeln. Dabei wirkt die Unterhaltung zwischen Claire und Michel weder abgehoben noch langweilig.

Nur die Erklärung auf Seite 16 bezüglich der Beobachtung eines Objekts innerhalb eines Schwarzen Loches von außerhalb ist nicht stimmig, da ein Schwarzes Loch die von sich ausgehenden elektromagnetischen Wellen inklusive derjenigen im Bereich des sichtbaren Lichts aufgrund seiner immensen Gravitation nicht entkommen lässt. Ein Beobachter kann also nicht hineinblicken.

Am Ende bleibt zwar offen, wie sich Leonardo rein technisch „an Bord“ seiner Zeitmaschine begeben haben mag. Dieser Umstand ist aber nicht weiter störend, da alleine die tatsächlichen Geschehnisse um das Gemälde die Phantasie des Lesers auf Hochtouren bringen.

Platz 3: Vivian Angelique

Diamanten der Zeit

Orthographie und Grammatik

Bis auf wenige Flüchtigkeitsfehler ist der Text in einem tadellosen Zustand.

Form und Stil

Der Ausdruck dieses Beitrags ist gut gelungen. Ab und an taucht eine Wiederholung auf, die aber den positiven Gesamteindruck kaum zu trüben vermag, da die Wortwahl stets abwechslungsreich und präzise ist.

Unklar ist lediglich, warum in einem deutschsprachigen Text englische Wortformen wie z.B. „Mommy“ enthalten sind.

Das Erzähltempo ist angenehm und die Beschreibungen der einzelnen Szenen sind so ausführlich und liebevoll, dass man sie sich ohne große Mühe bildhaft vorstellen kann.

Kreativität und Gestaltung

Im Grunde ist die Idee zu dieser Geschichte nicht sonderlich spektakulär, denn die Schilderung der Zeitreise in die Vergangenheit beinhaltet zunächst keine wirklich neuartige Herangehensweise an diese Thematik. Das Ende ist dann jedoch gelungen. Zu oft haben Geschichten dieses Genres nämlich die Eigenschaft, dass die Hauptfiguren vorschnell ihre Zweifel an der Möglichkeit einer Zeitreise ablegen und sich auf das Geschehen einlassen. Hier passiert dies nicht. Laurie ist selbst nach ihrer Internetrecherche fest davon überzeugt, alles nur geträumt zu haben.

Allerdings hätte auf die konkrete Benennung eines Suchmaschinendienstes verzichtet werden können.

Persönliches Fazit

Dieser Beitrag verfügt über einen guten sprachlichen Ausdruck und eine solide Ausarbeitung. Seine große Stärke ist die genaue Darstellung der Protagonisten. Deren Charakterzüge und Handlungsweisen werden glaubhaft und überzeugend beschrieben, weshalb man sich wunderbar in die Situation hineinversetzen kann. Dazu passen auch die vielen kleinen und stimmigen Details, z.B. die Anmerkung bezüglich des Geruchs alter Möbel auf Seite 14, der aber in der bereisten Vergangenheit nicht festzustellen ist, weil die Einrichtung des Raumes da ja noch nicht alt ist.