Sand im Zeitmaschinengetriebe

Jurywertung – die Sechste

Mit riesigen Schritten geht´s nun dem Ende  entgegen…wir freuen uns schon, Euch bald den Sieger unseres Wettbewerbs präsentieren zu können. Doch zwei Entscheidungen stehen noch aus. Die Vorletzte zeigen wir Euch jetzt. Aber vorher schauen wir uns nochmal die bisherige Punkteverteilung an.

susymah: Der dreizehnte Schädel 7

Vivian Angelique: Diamanten der Zeit 5

Melpomene: Wimpernschläge 5

Brigitta Wullenweber: Animusa 5

Juli Weiß: Die Sanduhr der Schattenstreicher 3

Elisabeth Alicia Lorey: Sound of Time 3

wolfseibert (W), lillekat (L), robustus (R), buechereimaus (B):The Dreamers Inn 1

Reggi67: IFTT 1

Sookie A. Jupiter: The Time-Cab 0

Crinwell: Maries letzte Stunden 0

Hollly: Juliette 0

Alessa S. Liat: Windgeflüster 0

Jana Oltersdorff: Am Anfang und am Ende 0

Brigitte R.: Kurzes Glück 0

Katja Zwieselfuss: Wo sind alle hin? 0

Jetzt kommt die Bewertung von Fianna. Ihre Kurzgeschichte “Entkommen” wurde beim Wettbewerb “Im Bann der Piraten” auf den ersten Platz gewählt. Nun entscheidet sie als Jurymitglied selber mit.

1. Platz: „Diamanten der Zeit“ von Vivian Angelique

„Diamanten der Zeit“ von Vivian Angelique zeigt in meinen Augen die mit Abstand besten sprachlichen Fertigkeiten in diesem Wettbewerb. Diese Kurzgeschichte ließ sich am flüssigsten lesen, keine hölzernen oder ungeschickten Sätze trüben den Lesefluss, kein Satz ist unnötig. Die Autorin reichte den Beitrag am letztmöglichen Tag an, und man merkt dem Werk die Zeit an, die in es investiert wurde.
Zugleich vermittelt sie am eindringlichsten die Emotionen der Charaktere und zieht schon auf den ersten Seiten den Leser in den Bann, obgleich dort vollkommen alltägliche Rangeleien zwischen Geschwistern beschrieben werden.
Auch das Thema von „Diamanten der Zeit“ ist erfrischend anders und hebt sich von literarischen und kinematographischen Vorbildern erfreulich ab. In dieser Geschichte geht es nicht um eine tragische Liebesgeschichte, vorherbestimmte Schicksale oder ein wagemutiges Experiment. Die Protagonistin tritt die Zeitreise unabsichtlich mit ihrem Bruder an – und ebenso suggeriert das Ende, dass keine wiederholte Benutzung der diamantgefüllten Sanduhr statt finden wird.
Aufgrund dieses Gesamtbildes – die flüssigen Sprache, die plastischen Charaktere, der logisch aufgebaute Plot und der Bruchs mit Stereotypien des Genres – wähle ich „Diamanten der Zeit“ auf den ersten Platz.

2. Platz – „Maries letzte Stunden“ von Crinwell

Auch Crinwells Werk „Maries letzte Stunden“ hebt sich durch überdurchschnittliche Sprache ab.
Crinwell spielt mit dem klassischen Motiv des Wissenschaftlers, fügt dem Ganzen jedoch einige einzigartige Komponenten hinzu. Seine skurill zusammengewürfelten Begleitpersonen akzeptieren des Professors Arbeit ohne Widerspruch; und auch die Charaktere selbst wirken vollkommen glaubwürdig und nachvollziehbar.
Diese Besetzung macht das zuletzt von Romantik, Schicksal und Ernst beladene Thema „Zeitreise“ zu einem unterhaltsamen Road Trip in die Vergangenheit. Da sieht man auch gerne darüber hinweg, dass der Professor rein zufällig eine Übersetzungspille parat hält oder dass die zeitgenössisch gekleideten Punker einen vollen Nachmittag auf einer Wiese herumlungern, ohne von den Franzosen des Revolutionsregimes angesprochen oder bedroht zu werden.
Bei aller vordergründiger Action hat sich der Autor jedoch auch mit der historischen Seite des Themas beschäftigt, wie am deutlichsten die kleine Referenz an einen französischen Maler, Jaques-Louis David, beweist.
Eine ernste Note klingt an, als sich der Zweck der Zeitreise erfüllt: Marie-Antoinettes Hinrichtung erschüttert den Professor sehr. Geschichte lesen und Geschichte erleben sind zwei verschiedene Paar Schuhe, und es ist fraglich, ob er weiterhin zu den dunkelsten Stunden seiner Vorbilder reisen wird.
Doch seine jugendliche Begleitung hat ohnehin das nächste Ziel festgelegt: bei einem Elvis-Konzert sollen Außerirdische erschienen sein. Also warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, den „King of Rock’n'Roll“ live erleben und mit den Aliens sprechen? .
Obwohl offensichtlich für den Wettbewerb erstellt, bietet die Besetzung in meinen Augen Stoff für eine Kurzgeschichtenreihe. Ich würde gerne das Elvis-Abenteuer dieser Zeitreise-Crew lesen.

3. Platz – „The Dreamer’s Inn“ von der Autorengruppe Federfuchser

„The Dreamer’s Inn“ ist die mit Abstand ungewöhnlichste Geschichte in diesem Wettbewerb.
Zum einen hat ein Team von mehreren Autoren diesen Text geschrieben, und zwar nicht kapitelweise, sondern in unregelmäßigen Abschnitten (jeweils übertitelt mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens).
Zum anderen geleitet sie den Leser als eine der wenigen Geschichten nicht in die Vergangenheit, sondern in eine komplett andere Realitätsebene. Die man jedoch nur erreichen kann, wenn der Neigungswinkel zu unserer Realitätsebene kleiner als 45 ° ist.
Hierbei ergänzen sich die verschiedenen Stile und Ideen der Autoren hervorragend: während Lillekatt den Gegensatz zum luziden Träumen entwirft – Langeweile im Traum – und durch eine falsche Türe die Protagonistin ins Dreamer’s Inn geleitet, bringt Buechereimaus Fantasy-Elemente wie Drachen oder die in ihren Werken bevorzugten Indianer hinein. Wolfseibert ist der Spezialist für Realitäsverschiebungen, und Robustus bereichert das Dreamer’s Inn mit ihren skurillen Einfällen und knappen, aber dennoch aussagekräftigen Beschreibungen, die der Kurzgeschichte Tiefe verleihen.
Ein Bonus ist die zum Nachdenken anregenden Weisheit, die in einigen Sätzen anklingt; beispielsweise „Gibt es denn Erklärungen, die keine neuen Fragen aufwerfen?“
„The Dreamer’s Inn“ existiert für sich selbst, nicht als bloße Hommage an Adams (dessen Bücher ich persönlich nicht mag) und war auch beim wiederholten Lesen ein Genuss.
Lediglich zwei kleine Dinge stören das Bild: ein Schreibfehler im Namen eines bekannten Physikers sowie der Kommentar eines Autors an einen anderen.
Da die drei Geschichten meiner persönlichen Endauswahl allesamt so verschieden sind, fiel es mir schwer, sie in eine Reihenfolge zu bringen.
Letztendlich war für meine Platzierung von „The Dreamer’s Inn“ der Kommentar eines Autors mitten im Text ausschlaggebend. Den Leser ansprechen ist eine Sache, den Autor mehrfach in den Text einbringen ebenso – aber eine einmalige Kommentierung des Textes durch einen Autor, dazu noch gerichtet an einen Mit-Autor – das bricht den Textfluss und hat für mich auch in einem Text auf anderer Realitätsebene nichts verloren.
Daher von mir „nur“ Platz 3 für „The Dreamer’s Inn“.

Share and Enjoy:
  • Print
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • del.icio.us
  • Digg