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„Schauriges Erwachen“

Wenn der Schrecken am Ende der Leitung wartet!

Die Kurzgeschichte „Schauriges Erwachen“ von Autor Thomas alias nightshot hat es in sich, und das in vielerlei Hinsicht. Wir lernen hier eine Protagonistin kennen, die mit erheblichen Widrigkeiten zu kämpfen hat; oft sucht sie ihr Heil im Alkoholkonsum, und ihre Therapeutin, der sie nur wenig praktische Lebenserfahrung zuspricht, versorgt sie mit Pillen, die die Symptome eines unheilvollen Chaos’ in ihrem Kopf annäherungsweise erträglich wirken lassen. Und dann ist da noch dieses ominöse Datum, der 6.6., an den die beiden Jahre zuvor jedes Mal das Telefon geklingelt hatte. Dieses Jahr, so hatte sie beschlossen, würde sie dem Klingeln aber nicht nachgeben.
Thomas verfügt über einen ausgereiften und zielsicheren Erzählstil. Seine Wortwahl ist durchweg gelungen, Wiederholungen und auch sonstige Flüchtigkeitsfehler offenbart der Text nur in äußerst geringen Mengen. Stattdessen werden wir mit greifbaren, mitreißenden Schilderungen verwöhnt, die die Gedanken, die Angst und Unsicherheit der Protagonistin sehr plastisch wiedergeben. Dabei geht Thomas auf verblüffende Weise ins Detail; das zeigt sich beispielsweise beim Versuch der Leidenden, den Anrufbeantworter außer Betrieb zu setzen.
Anzumerken bleibt nur, daß an manchen Stellen statt eines Präteritums ein Plusquamperfekt geeigneter gewesen wäre, wie etwas bei der Schilderung der Ereignisse des Vorjahres.
Insgesamt betrachtet, macht „Schauriges Erwachen“ seinem Titel alle Ehre. Die Geschichte erzeugt bis zum Schluß eine unbändige Spannung und hält zudem auch noch die ein oder andere Überraschung für die Leserschaft bereit.

Das Fazit lautet also: Lesen und nicht ans Telefon gehen!