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Rezension zu „Außerhalb“ von Fia-Lisa Espen

„Geheimnisträger und Erinnerungsmaler, Fluchtdichter, Lichtzeichner und Wärmebewahrer …“

 

Es gibt Bücher, die etwas an sich haben, das kein anderes Buch auf diese Weise ausstrahlt; etwas, das nicht nur einfach die Kombination einer ausgeklügelten Handlung mit einem hervorragenden Ausdruck ist, sondern über die Teile des Ganzen hinausreicht, weil es den Leser bewegt und auf eine gedankliche Reise mitnimmt, die unvergleichlich ist. Und so ein Buch ist „Stationär“ von Fia-Lisa Espen, das bereits vor einer ganzen Weile erschienen ist und mich sehr beeindruckt hat. Nun liegt mit „Außerhalb“ – aus dem die Überschrift für diese Rezension stammt – endlich die ersehnte Fortsetzung vor. Da ist es keine Frage, dass ich sofort einen Blick hineingeworfen habe.

Zur Erinnerung: In „Stationär“ lernten wir zunächst Rebecca und Charlotte kennen. Die beiden Frauen begegnen sich in einer psychosomatischen Klinik. Ihre Probleme sind zwar verschieden, Rebecca leidet am Borderline-Syndrom, Charlotte ist magersüchtig, doch trotzdem kommen sie sich langsam näher und entwickeln eine liebevolle Beziehung zueinander. Zusammen mit weiteren Patienten, Fritzi, Julie, Maja, Bine und Elias, versuchen sie, den Klinikaufenthalt sowie die Schatten ihrer Vergangenheit zu bewältigen.

Außerhalb“ schließt sich nun direkt an „Stationär“ an. Die Protagonistinnen sind inzwischen alle aus der Klinik entlassen und müssen, so gut es geht, ihr Leben und den Alltag meistern. Rebecca und Charlotte wohnen zusammen, Julie ist bei ihrer Familie und bereitet sich auf das Abi vor und Maja ist in Rebeccas Stadt gezogen und trifft sich oft mit Elias. Doch die Probleme und Sorgen melden sich zurück. Während Julie nach wie vor mit ihrer Magersucht zu kämpfen hat, erkennt Maja, dass sie anscheinend Gedächtnislücken hat. Sie versucht herauszufinden, was sich in diesen verlorenen Momenten ereignet hat. Dabei stößt sie nach und nach auf ein dunkles Geheimnis in ihrem Innern, das immer bedrohlichere Züge annimmt. Kann ihr neuer Therapeut ihr helfen? Unterdessen möchte Julie zurück in die Klinik, doch es ergeben sie beinahe unüberwindbare Hindernisse, da es ihre Familie nicht schafft, ihre Krankheit zu akzeptieren. So steht Julie plötzlich ganz alleine da.

In „Außerhalb“ konzentriert sich die Handlung im Wesentlichen auf die Erlebnisse von Maja und Julie, doch auch die übrigen Bekannten aus „Stationär“ kommen reichlich vor, neben Rebecca und Charlotte auch Bine und Fritzi. Elias spielt bei der Maja-Geschichte eine besondere Rolle und Julie lernt in der Schule ein Mädchen namens Mira kennen, mit der sie sich auf einer Wellenlänge zu bewegen scheint. Trotz der verhältnismäßig zahlreichen Figuren entsteht beim Lesen keinerlei Verwirrung, die einzelnen Handlungsstränge sind klar strukturiert. Auch wenn der Schwerpunkt des Geschehens auf dem Umgang mit psychischen Problemen im Alltag besteht, entwickeln sich die Vorgänge trotzdem auf eine Weise, wie man es zunächst nicht vermuten würde. Eine fortwährende Spannung schwingt mit, die sich unbemerkt aus dem Hintergrund in die Mitte der Geschichte zieht.

Was Rechtschreibung und Grammatik angeht, zeigt sich das Buch in Bestform. Das Cover ist stilistisch an dasjenige des Vorgängerromans angelehnt und schafft damit Kontinuität. Was aber einer besonderen Erwähnung bedarf, ist Fia-Lisa Espens unverkennbarer Schreibstil. „Außerhalb“ ist – wie auch „Stationär“ schon – keine bloße Aneinanderreihung von Ereignissen. Es ist weit mehr als das. Die Schilderungen der einzelnen Szenen kommen Gemälden gleich, so wortgewandt sind sie; die Formulierungen überraschen durch immer neue Begriffskombinationen, sprühen lyrische Funken durch die lebhaft vermittelte Gedankenwelt, strahlen in ungekannten Farbtönen, die die Sensibilität der handelnden Figuren auf subtile, abstrakte, aber gleichzeitig bildhaft nachfühlbare und intuitive Weise verdeutlichen. Die einzelnen Charaktere bekommen dadurch eine verblüffende Tiefe. Man kann somit die Geschehnisse in einer emotionalen Nähe zu ihnen begleiten, wie es nur bei ganz wenigen Romanen überhaupt möglich ist. Man liest nicht einfach, man erlebt. Und man versteht.

Das Fazit dieser Rezension kann also nur lauten: Unbedingt lesen! Es gibt nur wenige Bücher, die so berühren und faszinieren. „Außerhalb“ – das auch „Außergewöhnlich“ heißen könnte – ist ein literarisches Juwel, das aus dem Einheitsbrei sich oftmals wiederholender Liebes- und Fantasy-Romane so überdeutlich hervorragt, dass man es nicht oft genug betonen kann. Fia-Lisa Espen hat hier etwas Besonderes geschaffen, das man gelesen haben muss, um zu begreifen, was mit dem Medium Sprache möglich ist. Fünf Sterne sind viel zu wenig, sieben wären passender.

Rezension zu „Flickenteppich“ von K.J. Weiss

„Schicksalsschläge zeigen dir deine wahren Freunde.“

Mit dem schwierigen Thema Schizophrenie befasst sich der Roman „Flickenteppich“ von K. J. Weiss. Es handelt sich dabei um eine fiktive Geschichte, die, wie wir im Vorwort erfahren, jedoch teilweise auf tatsächlich Erlebtem des Autors beruht. Das deutet auf ein Werk mit Tiefgang hin, weshalb ich es mir einmal genauer angesehen habe.

Gleich nach dem Vorwort befinden wir uns mitten in der Handlung. Wir erleben mit, wie eine Frau in der eisigen Kälte der Nacht vor einem Verfolger flieht. Sie hastet durch die Straßen einer erstarrten Stadt und versteckt sich schließlich in einem Müllcontainer vor ihm. Sie wartet und wartet, hört immer wieder verdächtige Geräusche, bis die Angst sie übermannt und sie aus dem Behälter zu springen versucht.

Dann befinden wir uns bei Nicole zu Hause. Sie bekommt an einem Sonntagmorgen einen Anruf einer Ärztin. Allem Anschein nach ist ihre Schwester Sarag verfogt und überfallen worden, weshalb sie jetzt auf der Intensivstation liegt. Nicole ist geschockt und begibt sich sofort ins Krankenhaus. Was ist bloß mit ihrer Schwester passiert? Beim Versuch, die Vorfälle der letzten Nacht aufzuklären, ergeben sich immer mehr Ungereimtheiten. Sollte Sarah nicht eigentlich im Urlaub in Spanien sein? Was hat sie in die garstige Kälte hinausgetrieben? Und wie geht es weiter?

Was sofort positiv auffällt, ist die unterschwellige Spannung, die der Autor von Beginn an erzeugt. Kaum hat man einen Absatz gelesen, möchte man unbedingt wissen, wie es weitergeht, und das, obwohl ja im Vorwort bereits angedeutet wird, was das eigentliche Thema des Buches ist. Die Schilderungen sind jedoch so plastisch und glaubwürdig, dass man stets bei der Stange gehalten wird. Auch der sehr ausführliche und vielseitige Schreibstil tragen zu diesem Eindruck bei.

Doch „Flickenteppich“ bietet mehr als nur Spannung. Wir erleben mit, wie Nicole durch das Schicksal ihrer Schwester Sarah mehr und mehr für das Leid Anderer sensibilisiert wird, wie sie Gegebenheiten hinterfragt und neu abwägt. Das gibt auch dem Leser zu denken. Und schließlich kommt dann auch die Beschäftigung mit der Diagnose Schizophrenie, dem Wechselbad der Gefühle, das dadurch bei den Betroffenen und Angehörigen entsteht. Dem Autor gelingt es auf eine sehr einfühlsame Weise, sein Publikum für die Problematik psychischer Erkrankungen zu sensibilisieren, denn letztlich stehen stets Einzelschicksale dahinter, unverwechselbare Menschen, die ihr Leben meistern müssen.

Flickenteppich“ ist ein Buch, das wärmstens empfohlen werden kann. Es bietet ein komplexes, wichtiges Thema, viel Spannung und Dramatik und noch mehr Stoff zum Nachdenken. Und das alles wird in sprachlich grandioser Form geschildert. Unbedingt lesen!

Rezension zu „Warum ich?“ von Bonnyb

„Ich bin nur ein Mensch.“

Die Autorin Bonnyb ist auf BookRix sehr bekannt, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie die Nutzerin mit den meisten Herzen ist. Ihr bevorzugtes Genre ist die Gay-Romanze, bisweilen – nicht ganz treffend – als „Homoerotik“ bezeichnet. Und eben dieses Genre hat bereits für hitzige Diskussionen gesorgt, da es offenkundig sehr polarisierend wirkt. „Schmuddelig“ nennen es die Einen, „sinnlich“ die Anderen. Daher habe ich mir nun einen Roman von Bonnyb vorgenommen, nämlich „Warum ich?“, um herauszufinden, wie sie die Thematik tatsächlich umsetzt.

Buchcover Bonnyb "Warum ich?"Thomas Kramer, der Protagonist des als Drama eingestuften Buches, hat ein erfülltes Leben. Er ist glücklich verheiratet, Vater zweier Kinder und in seinem Beruf sehr erfolgreich. So wie auch seine Frau hat es ihn an die Schule verschlagen. Dort unterrichtet er Französisch und Geschichte. Bei den Schülern ist er wegen seiner aufgeschlossenen Art durchaus beliebt. Doch eines Tages gerät alles aus den Fugen. Dabei fängt es so harmlos an: Thomas’ Sohn bekommt einen neuen Klassenkameraden namens Jannis, mit dem dieser sich schon bald anfreundet. Folglich kommt Jannis ab und an zu Besuch. Schüchtern fragt er dann nach Nachhilfestunden, die ihm Thomas geben soll. Der aufmerksame Lehrer erkennt schnell, dass im familiärem Umfeld des Jugendlichen gewisse Missstände herrschen, auch dass Jannis selbst erhebliche psychische Probleme hat. Thomas nimmt sich des Jungen an, doch ganz plötzlich ist da mehr als nur pädagogische Fürsorge. Er gerät in einen Strudel aus Emotionen, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

Die Geschehnisse werden bereits auf den Seiten fünf bis zehn kurz von Thomas geschildert, bevor dann eine ausführliche Rückschau stattfindet. Obwohl man also schon weiß, wie die ganze Geschichte letztlich endet, empfindet man beim Lesen des Hauptteils keinerlei Langeweile. Dafür ist einfach zu viel Spannung vorhanden. Man erlebt das Wechselbad der Gefühle, in welchem Thomas unterzugehen droht, im Geiste deutlich wahrnehmbar mit. Die Schwärmerei von Jannis für den Lehrer, der sich um ihn kümmert, beginnt ganz sanft und unscheinbar, doch urplötzlich überschlagen sich die Ereignisse geradezu. Und dann hält die Geschichte doch noch die eine oder andere Überraschung bereit, mit der man schon gar nicht mehr rechnet. Diese möchte ich hier allerdings nicht vorwegnehmen.

Auch wenn Bonnyb hier ein ganz heißes Eisen anpackt, nämlich eine sexuelle Beziehung eines männlichen Lehrers zu einem männlichen, minderjährigen Schüler in Szene zu setzen, so steht diese letztlich nicht im Fokus des Romans. Vielmehr wird die menschliche Tragödie von Thomas behandelt und das geschieht auf eine recht ergreifende, ehrliche und nachfühlbare Weise. Es geht hier also in erster Linie um die Auswirkungen des begangenen Tabubruchs, um die Art, wie das soziale Umfeld des Protagonisten damit umgeht oder eben dies krampfhaft zu vermeiden sucht.

Der sprachliche Ausdruck ist zumeist sehr angenehm und abwechslungsreich ausgefallen. Bei der Rechtschreibung haben sich ein paar Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, die allerdings beim Lesen nicht weiter stören. Das Erzähltempo ist ideal und die Art und Weise, wie sich der Kreis zwischen Anfang und Ende schließt, überzeugt. Der Gesamteindruck ist also positiv.

Die Altersfreigabe ab 16 Jahren ist passend gewählt. Der Preis von 2,99€ für 162 lektorierte Seiten im BookRix-Format geht ebenfalls in Ordnung. Wer leichte Lektüre sucht, ist hier sicherlich falsch. „Warum ich?“ ist nichts für schwache Nerven und empfiehlt sich vor allem durch seine emotionale Dichte und die dramatische Handlung. Alles in allem ist es ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

ISBN: 978-3-7309-0816-7