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„15 Minuten“ von Martina Osterndorff

Wenn die Seifenblase zerplatzt!

Die Autorin Martina Osterndorff nennt sich auf BookRix „inselkind“. Ihre Kurzgeschichte „15 Minuten“ stellt eine äußerst interessante Betrachtung des Vergehens einer Illusion dar. Die Protagonistin, in der Form einer Ich-Erzählerin auftretend, beschreibt ihre Wahrnehmungen und Empfindungen kurz nach dem Ende einer Partnerschaft. Sie vergleicht die Illusion der gemeinsamen Zukunft mit einer riesigen Seifenblase, die im Verlauf des Textes tatsächlich zerplatzt, als sie erkennt, daß er ihr allmählich fremd wird.
Die Metapher der Seifenblase ist zwar nicht unbedingt einzigartig, aber die Art, wie die Autorin mit ihr umgeht, beweist wahrhaftes Verständnis für das Medium Sprache. So tastet die Protagonistin etwa an der Wand der Blase, und als diese sich auflöst, platzt sie in ihre Augen, wobei sie Regenbogenschlieren auf ihrer Netzhaut hinterläßt. Der Vorgang der Auflösung wird gekonnt mit einem aufkommenden Wolkenbruch zu einem real wahrnehmbaren Ereignis verwoben, das die Überbleibsel der Blase in den Gullis verschwinden läßt..
Doch die Seifenblase ist nicht die einzige Metapher der Geschichte. Die Autorin versteht es, ihre Bilder in einer verblüffend greifbaren und außergewöhnlich vielseitigen Weise aufzufächern und bis in jede noch so tiefe Ebene zu durchleuchten. Hier zeigt sich anschaulich, auf welch hohem Niveau menschliche Sprache Gedanken in Worte fassen kann.
Man sollte also die 15 Minuten, die man zum Lesen benötigen wird, unbedingt in diesen Text investieren, denn ein seltener Genuß ist gewiß.