Schlagwort-Archiv: Kurzgeschichten

Rezension zu „Sahnestücke“ von Ewa Aukett

„Ich mag Vieles sein, nur nicht festgelegt.“

Mit dieser selbstbewussten Aussage deutet die Autorin Ewa Aukett im Vorwort zu ihren „Sahnestücke“ an, dass die Themenvielfalt ihrer hiermit vorliegenden Kurzgeschichtensammlung beträchtlich sein wird. Das hört der lesewütige Rezensent besonders gerne, da er ja bekanntlich die Abwechslung schätzt. Was liegt da näher als gleich reinzuschauen?

Der Sammelband „Sahnestücke“ wartet mit insgesamt 13 Kurgeschichten auf. Von diesen ist eine ein Gastbeitrag von Slakje Bult. Thematisch liegen die Texte bisweilen sehr weit auseinander, was schon mal für die versprochene Abwechslung sorgt. Kurzkrimis sind ebenso enthalten wie Humorvolles, Thriller und Vampire ebenso wie Dramen. Besonders eindringlich ist „Weg in die Freiheit“, das von der Flucht einer Frau erzählt und eine düstere, spannungsgeladene Atmosphäre erzeugt. Ein anderes, ganz spezielles Schmankerl bietet „Summer Heat“. Es handelt sich dabei nämlich um die Vorgeschichte zu Ewa Auketts bekanntem Roman „Outback“ und berichtet über die darin vorkommenden Figuren Tom und Henny. Wer das Liebesabenteuer in der australischen Wildnis schon in seinem Regal hat, sollte sich daher dessen Prequel nicht entgehen lassen.

Etwas außergewöhnlich ist „Dunkle Gedanken“, da es der erste autobiografische Text von Ewa Aukett ist, den wir zu lesen bekommen. Wir erfahren, wie die Autorin ihre ersten Werke veröffentlichte und was für Hürden sie dabei überwinden musste. Das bringt uns auch den Menschen hinter der Autorin näher; ein Name wird lebendig und zeigt uns einen Teil seiner sympathischen Seele.

Die Zugabe von Slakje Bult rundet die Anthologie dann mit ulkiger und sprachlich äußerst knackiger Realsatire aus dem Leben von Autoren ab.

Zu jeder der 13 Geschichten gibt es außerdem ein kleines Vorwort, das die Umstände der Entstehung des jeweiligen Textes schildert. Das ist insofern sehr interessant, weil es einen Einblick in das Schaffen und Sichweiterentwickeln einer Schriftstellerin gewährt. Dadurch wird das in „Dunkle Gedanken“ Gesagte passend ergänzt.

Was die Qualität des gesamten Buches angeht, kann ich nur eines sagen: Ewa Aukett! Wer ihre bisherigen Werke kennt, der weiß, dass auch die „Sahnestücke“ wieder astrein abgeliefert worden sind. Ausdruck, Grammatik, Rechtschreibung überzeugen auf ganzer Linie. Vor allem aber zeigt sich eine verblüffende stilistische Wandlungsfähigkeit, mit der sich die Autorin geschmeidig jedem Genre anpasst. Dadurch erweckt sie vielschichtige, eigenständige und stets sympathische Protagonisten zum Leben, die mit einem unverkennbaren Charisma durch ihre Geschichten gleiten.

Sahnestücke“ bietet also eine gehörige Menge Abwechslung in gewohnter und geschätzter Qualität. Als Sammelband mit Kurzgeschichten lässt sich die Lektüre auch praktisch und je nach Stimmungslage einteilen. Wer Ewa Aukett noch nicht kennen sollte, hat nicht nur was verpasst, sondern hiermit auch eine wunderbare Gelegenheit, in ihr vielseitiges Werk Einblick zu nehmen. Und wer sie schon kennt, wird ohnehin gleich zuschlagen. Wie auch immer, es ist schön zu wissen, dass sich nicht alle Autoren in starre Schubladen einsortieren lassen.

Rezension zu „Fuck the Police!“ von Guy Kiss

I kissed a cop …

Dann und wann stolpert ja der Rezensent beim Stöbern über so manchen ausgefallenen Buchtitel, gelegentlich kommt aber auch ein Buch zum Vorschein, das ein wenig – sagen wir mal – „reißerisch“ ausschaut. So auch hier: „Fuck the Police!“ heißt das Werk, das sich bei näherer Betrachtung als Anthologie herausstellt, die von den Mitgliedern einer BookRix-Gruppe zusammengestellt und herausgegeben worden ist. Da wird man neugierig und guckt mal hinein.

Das Buch besteht aus 14 Kurzgeschichten, vor denen jeweils eine knappe Inhaltsangabe zu finden ist, sodass man sich vorab schon grob orientieren kann, worum es im Folgenden geht. Dazu kommt noch ein Vorwort, das die Entstehungsgeschichte des Sammelbandes schildert. Darin erfahren wir, dass die 14 vertretenen Autorinnen allesamt Mitglieder der Gruppe „Gay Kiss“ auf BookRix sind und unter dem Pseudonym Guy Kiss diese Anthologie mit homoerotischen Texten veröffentlicht haben. Unter ihnen befinden sich solch wohlbekannte Namen wie Kooky Rooster oder Caro Sodar, von der auch das Cover stammt.

Inhaltlich dreht es sich stets um folgenschwere Begegnungen männlicher Protagonisten mit männlichen Polizeibeamten. Dabei geben sich die einzelnen Episoden recht unterschiedlich, mal gefühlvoll und leise, mal direkt und unverblümt. Besonders drollig finde ich den Text von Savannah Lichtenwald, in der es um Steffen, einen übermotivierten Ordnungshüter, geht, der schrecklich gerne Parksünder in seiner Nachbarschaft aufspürt. Praktischerweise wohnt seit Neusten schräg gegenüber ein Callboy, dessen motorisierte Kundschaft meistens im Parkverbot hält, ein Traum für Steffen. Doch die Dinge entwickeln sich dann nicht so, wie es gedacht war.

In eine ganz andere Richtung geht „Fuck the Demolition Master“ von Norma Banzi. Die Handlung spielt nämlich auf dem Bergbauplaneten Deidalus und hat außerdem Aliens als Protagonisten, was für einen homoerotischen Text doch ungewöhnlich wirkt. Aber auch die Außerirdischen haben Alltagssorgen und Liebeskummer. Auch der Alkohol darf bei ihnen nicht fehlen.

Insgesamt ist zu sagen, dass das Buch in einer sehr ordentlichen Form daherkommt. Fehler laufen einem beim Lesen fast nie über den Bildschirm und man wird überrascht sein, wie viel aus dem anfangs vielleicht etwas dürftig erscheinenden Leitmotiv herausgeholt werden kann. Das Zauberwort lautet hier „Vielfalt“. Die Autorinnen verfügen jeweils über eine unverwechselbare Handschrift, was Ausdruck und Handlung angeht. Dadurch wird das Lesen zu einem kurzweiligen Erlebnis.

Außerdem ist noch zu erwähnen, dass die Autorinnen den Erlös aus dem Verkauf des Sammelbandes an den Förderkreis Heartbreaker spenden möchten. Dieser Verein engagiert sich für AIDS-Projekte und einen tolerante(re)n Umgang mit Erkrankten. In Anbetracht dieses Umstandes sowie der guten Ausarbeitung des Buches hätte man gerne noch mehr dafür bezahlt.

Fuck the Police!“ ist eine Anthologie, die zeigt, was sich aus einem freundlichen und toleranten Miteinander entwickeln kann. Durch die 14 beteiligten Autorinnen wird das Buch abwechslungsreich und sehr kurzweilig. Nicht nur Polizisten werden es mögen und andere Berufsgruppen werden vermutlich schon jetzt auf eine weitere Ausgabe der Gay-Kiss-Gruppe warten, in der sie dann selber im Mittelpunkt stehen.

Kurzgeschichten-Wettbewerb

Feuilleton von Monirapunzel

Hallo Ihr Lieben,

vor ca. einem Jahr habe ich die Kurzgeschichten-Gruppe vertrauensvoll in die Hände von René Deter gegeben. Heute möchte ich René ein großes Lob aussprechen! Er und sein Moderatoren-Team leiten diese Gruppe ganz hervorragend! Der monatliche Wettbewerb erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Aktuell lautet das Thema, zu dem bis zum 23. März 2014 Beiträge angemeldet werden können:

„In den Katakomben von Paris“

Das ist doch wohl ein spannendes Thema! Da muss es doch jedem Autor in den Fingern jucken. Die Geschichte darf einen maximalen Umfang von 3000 Wörtern haben. Es muss sich um eine Erstveröffentlichung handeln und der Text sollte unabhängig von anderen Büchern des Autors sein. Zudem darf es sich nur um ein bei BX lesbares oder downloadbares Buch handeln. Kostenlose Bücher in Shops sind nicht zulässig. Die weiteren Regeln findet Ihr in der Kurzgeschichten-Gruppe.

Kurzgeschichten-Gruppe

Erfreut habe ich gesehen, dass es nun auch wieder das Thema der Woche gibt. Aktuell geht es um klassische Kurzgeschichten. Da fällt mir doch sofort Wolfgang Borchert ein. Neulich wurde nach Lieblingsmärchen gefragt. Ich finde es immer wunderbar, in gemeinsame Erinnerungen einzutauchen.

Schön finde ich auch die Plauderecke. Das ist ein idealer Ort um Gleichgesinnte zu treffen und Lesefreunde zu finden. Wer die Kurzgeschichten-Gruppe noch nicht kennt, sollte sie sich unbedingt anschauen.

Grüße von Monirapunzel

Monirapunzel

Monirapunzel, bekannt als langjährige und engagierte BookRix Userin, schreibt in ihrem Feuilleton über verschiedene Themen rund um BookRix.

Rezension zu „Eagle Island“ von Nelia Korbe

Buchbewertung mit allen Sinnen …

Heute ist mal wieder eine Kurzgeschichtensammlung an der Reihe, hier im Blog vorgestellt und durchleuchtet zu werden. Sie heißt „Eagle Island“ und stammt aus der Feder von Indie-Autorin Nelia Korbe. In dem eBook sind neun Texte enthalten, von denen der erste den Titel beisteuert.

Buchcover Nelia Korbe - "Eagle Island"Nun mag sich manch einer fragen, was die Überschrift dieser Rezension zu bedeuten hat. Tatsächlich bezieht sich diese auf die Handlung von „Eagle Island“. Wir lernen Kinara kennen, eine junge Frau, die einen wirklich fantastischen Job hat: Sie bewertet Bücher! Allerdings muss sie kein einziges davon durchlesen, da sie mit einer phänomenalen Gabe ausgestattet ist. Sie braucht einen Schmöker nur zu berühren und prompt wird sie von dessen Inhalt buchstäblich aufgesogen, taucht wie eine lebendige Forschungssonde in eine völlig fremde Welt ein und schaut sich dort um, lauscht und fühlt, stets darauf bedacht, dabei genügend Daten über das Geschehen im Buch zu sammeln, um daraus eine fachkundige Bewertung zu erstellen. Obwohl Kinara eine sehr professionelle Rezensentin ist, passiert es ihr doch bei einem Besuch einer der fiktiven Welten, dass sie dort die Zeit vergisst und einschläft. Allerdings gibt es dafür einen Grund, den sie erst später enthüllen kann.

Nicht ganz unähnlich, was die Grundidee betrifft, ist der Text „Zurück ins Moor“, nur dass hier nicht jemand in eine Geschichte eintaucht, sondern in ein Moor, in welchem er sich überraschend wiederfindet, ohne sich erinnern zu können, wo er zuvor gewesen ist. Doch auch hierfür gibt es einen Grund.

Eher satirisch gibt sich „Linke Tonsille“, denn hier begeben wir uns in den Hals einer vom Pech verfolgten Ich-Erzählerin. Dort steckt etwas fest, das ihr ziemliches Unbehagen verursacht und bald darauf auch Thema in sozialen Netzwerken wird, denn Schadenfreude ist ja bekanntlich etwas Erheiterndes. Auch die Belegschaft einer deshalb konsultierten HNO-Arztpraxis erfreut sich an dem Leid der Patientin.

Die Texte sind stilistisch allesamt gelungen. Sie wirken kurzweilig, ausdrucksstark und kreativ, was die jeweilige Grundidee anbelangt. Außer ein paar Flüchtigkeitsfehlern ist nichts zu bemängeln. Allerdings gehen manche der Texte inhaltlich recht deutlich über das hinaus, was die von der Autorin angegebenen Stichwörter vermuten lassen. So ist „Eagle Island“ selbst eher im Fantasy-Genre anzusiedeln, als dass es eine „Alltagsgeschichte“ darstellt.

Umso wichtiger ist es, diesen Sammelband zu empfehlen, kostet er doch gerade einmal 1,49€. Dafür bekommt man neun Geschichten, die sich durch Einfallsreichtum und gute Ausarbeitung auszeichnen. „Eagle Island“ verspricht daher abwechslungsreichen Lesespaß.

Rezension zum Selfpublishing-eBook „Sorgenschwer“ von Monirapunzel

Seelenschmerz und Geheimnisvolles …

Die Indie-Autorin Monirapunzel dürfte der Gemeinschaft auf der Selfpublishing-Plattform BookRix inzwischen wohlbekannt sein. Nicht zuletzt durch ihre unermüdliche und liebevolle Betreuung der großen Kurzgeschichten-Gruppe hat sie sich viele Freunde gemacht. Außerdem ist sie stets recht produktiv, was das Schreiben anbetrifft. Nun hat sie mit „Sorgenschwer“ einen neuen Sammelband ihrer Werke veröffentlicht.

Das eBook beherbergt 25 Texte und bietet einen Querschnitt von Monis bisherigem Schaffen. Eines ihrer bevorzugten Themen sind Alltagsprobleme und persönlicher Schmerz. So ist etwa „Angst“ aus der Sicht einer Mutter geschrieben, die sich mit der Tatsache abfinden muss, dass ihr Sohn eine Straftat begangen hat. In „Das Haus“ geht es um die Pflege von Familienangehörigen, sowie um Erbschaftsstreitigkeiten, wobei die Geschichte hier ein ziemlich böses Ende nimmt. Recht bedrückend gibt sich „Sie faltet“. Darin wird in nüchternen, aber präzisen Worten über die Auswirkungen von Demenz berichtet.

Buchcover Monirapunzel "Sorgenschwer"Darüber hinaus hat Moni aber auch ein Faible für Fantastisches und Geheimnisvolles. So sind einige Texte in „Sorgenschwer“ dem Fantasy-Genre zuzurechnen. Zunächst ist die Kurzgeschichte „Wo ist Tim?“ zu nennen. Hier wird nach und nach ein Puzzle aus anfangs zusammenhangslos scheinenden Szenen und Perspektivwechseln vervollständigt; bisweilen magisch wirkende Formulierungen ergeben am Schluss ein klares Bild, das durch seine emotionale Intensität und Tiefe einmal mehr betroffen macht. Der nächste Paukenschlag ist „Desmeralda“. Die Hauptfigur Jonas, ein junger Student, berichtet von seiner Begegnung mit einer bezaubernden Fremden auf einem Weihnachtsmarkt. Sofort ist er in ihrem Bann, möchte sie wiedersehen, leidet Qualen, weil er sie nicht mehr finden kann. Doch er wird erlöst, scheinbar zumindest, denn es stellt sich bald heraus, dass Desmeralda kein gewöhnlicher Mensch ist. Jonas gerät in einen Sog aus Hingabe und Abhängigkeit. Schließlich tut er Dinge, die er zuvor nicht für vertretbar gehalten hätte.

Dieser Text verfügt über einen recht gepflegten Stil. Die Wortwahl ist durchdacht und vielseitig, die Beschreibungen lassen die Höhen und Tiefen von Jonas’ Gefühlswelt lebendig werden. Das Näherkommen der beiden Figuren wirkt sehr romantisch. Es findet sich darin aber nichts Kitschiges oder Abgedroschenes. Was die Geschichte jedoch zu etwas Besonderem macht, ist der Schluss. Plötzlich wird aus einer überaus sensiblen Liebesgeschichte eine schonungslos direkte Gesellschaftskritik, die den Umgang mit älteren Menschen anprangert. Wie die Autorin diese literarische Wandlung hinbekommt, möchte ich nicht vorwegnehmen.

In eine etwas andere Richtung geht „Der Fluch“. Hier wird ebenfalls eine Liebe erwähnt, und zwar die zwischen Wilhelm und Alexandra. Wir erleben dabei zunächst, wie sich Wilhelm einer Kirche nähert. Dabei scheint er jünger zu werden, bis er sein Ziel schließlich erreicht und die Turmuhr sieht, deren Zeiger rückwärts läuft. Im Fenster erblickt er Alexandra, die auf ihn wartet. Was hat das alles zu bedeuten? Wilhelm hat zunächst keine Erklärung dafür. „Der Fluch“ erzeugt eine mystische Atmosphäre, in welcher man die Zuneigung von Wilhelm und Alexandra deutlich wahrnehmen kann. Die Beschreibung ist sehr bildhaft und erregt so die Neugier des Lesers. Man möchte wissen und verstehen, was vor sich geht, und bis man es erfährt, wird man ganz und gar von der Stimmung übermannt. Das Erzähltempo ist hier recht flott, was wunderbar zum Szenario der rückwärts laufenden Uhr und dem sich dadurch rapide verjüngenden Wilhelm passt.

Sorgenschwer“ zeigt in seiner Gesamtheit das ganze Können von Monirapunzel auf. Die Texte erzielen stets ihre Wirkung beim Lesen. Sie verursachen starke Emotionen. Manche machen betroffen und fassungslos, wieder andere begeistern durch ihre Sensibilität und Feinsinnigkeit. Die Autorin hat keine Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen. So wirkt die ein oder andere Geschichte recht direkt und umgangssprachlich. Generell sind sie allesamt sorgfältig ausgearbeitet und in orthographisch korrekter Form niedergeschrieben, ein sehr erfreulicher Umstand.

Die Kosten für den Download des kompletten Sammelbandes belaufen sich auf 1,99€. Ehrlich gesagt, halte ich das angesichts der Qualität des Gebotenen für einen Schleuderpreis. Man bekommt hier schließlich 25 Texte, die wirklich etwas zu sagen haben und das auch auf eindrucksvolle Weise tun. „Sorgenschwer“ hat viele Facetten, die sich stets gehaltvoll entfalten. Ich würde die Geschichten nicht als leichte Lektüre bezeichnen, da sie zumeist sehr berühren und nachdenklich stimmen. Vielmehr handelt es sich um Literatur mit Tiefgang, die sehr betroffen macht.

Rezension zu „Hinter Türen“ von Anja Ollmert

Ein Blick hinter verschlossene Türen

Die Autorin Anja Ollmert alias „webmaus“ ist schon eine geraume Weile auf BookRix angemeldet und hat uns bereits mit einigen interessanten Geschichten verwöhnt. Nun hat sie unter dem Titel „Hinter Türen“ einen Sammelband erstellt, der schließlich auch den Weg in diese Rezensionsreihe gefunden hat.

Buchcover Anja Ollmert "Hinter Türen"Das Werk enthält insgesamt 23 Kurzgeschichten, wovon eine als „Bonus“ ausgewiesen ist. Die einzelnen Texte sind allesamt recht aussagekräftig und stimmen oft sehr nachdenklich, da sie oftmals menschliche Tragödien beschreiben und auch eine gewisse sozialkritische Note an sich haben. Eine explizite thematische Festlegung gibt es allerdings nicht, wodurch das Buch abwechslungsreich ausfällt. Mal steht eine Person im Mittelpunkt, mal eine Beziehung, die sich durch einen wichtigen Umstand verändert, wobei es sich bisweilen um ein Mordkomplott handeln kann. Besonders hervorheben möchte ich „Moona“ und „Rosemaries Flucht“. „Moona“ schildert das Leid einer jugendlichen Heimbewohnerin, die ihre Eltern in einer Vollmondnacht durch einen Verkehrsunfall verloren hat. Nun fürchtet sie sich vor dem Vollmond und empfindet jedes Mal quälende Angst, wenn er erneut am Firmament erscheint. Stets zieht sie sich dann in ihre Gedankenwelt zurück. Was sie jedoch nicht weiß, ist, dass es nicht der Mond ist, vor dem sie sich fürchten sollte. „Rosemaries Flucht“ behandelt das Thema Armut. Wir lernen eine Protagonistin kennen, in deren Budget jeder Euro fest verplant ist. Sie kann sich nur eine ziemlich einseitige Ernährung leisten. Durch die immer gleichen Rituale ist ihr Dasein trostlos geworden und teilweise sogar zu zwanghaften Handlungsabläufen erstarrt, aus denen sie nicht mehr ausbrechen kann. Erst als etwas geschieht, das ihre Existenz bedroht, kann sie fliehen. Auch die übrigen Texte wissen zu gefallen.

Die Geschichten sind zumeist sehr gut ausgearbeitet. Es kommt zwar ab und an zu Flüchtigkeitsversehen, aber im Großen und Ganzen sind sie erfreulich arm an Fehlern. Auch stilistisch gibt es so gut wie nichts auszusetzen. Anja Ollmert schreibt äußerst flüssig und stimmungsvoll.

Der Preis von 3,99€ für das komplette Buch ist angesichts des qualitativ sehr guten Inhalts und der soliden Ausarbeitung angemessen. Dafür bekommt man eine Sammlung mitreißender Kurzgeschichten, die einen auch noch lange nach dem Lesen beschäftigen. Wer also anspruchsvolle Lektüre mag, ist hier an der richtigen Adresse.

„Lieber schlaflos leben, als schlafend sterben!“

„Lieber schlaflos leben, als schlafend sterben!“

Heute wird es im Blog mal wieder etwas düsterer, denn das Buch „Verloren“ von Jo W. Gärtner steht nun im Fokus. Es befindet sich seit ein paar Tagen in der offiziellen Empfehlungsliste von BookRix, was nicht zu unrecht der Fall ist, denn es hat wirklich was zu bieten.

Buchcover Jo W. Gärtner "Verloren"Verloren“ enthält sechs kurze Prosatexte, die sich alle mit dem gleichen Thema befassen, nämlich der Ausweglosigkeit, der Gewissheit, nicht mehr entrinnen zu können. Leichte Kost ist gewiss keine von ihnen. Immer geht es um eine Form des Leides, das die jeweilige Hauptfigur erdulden muss. Die Versuche, daraus zu entrinnen, scheitern meist kläglich.

Am ausdrucksstärksten ist dabei „Sie wollen mir Flügel geben“. Bei dieser Episode erschließt sich der Bezug des Titels zum Inhalt erst ganz am Schluss. Dann allerdings erkennt man die verstörende Wahrheit hinter dem Text, die betroffen macht. Dennoch ist „Auflösen“ mein Favorit. Hier wird nämlich sehr eindrucksvoll in einer Metapher abstrahiert, was der Protagonist empfindet. Er denkt, er wäre ein „Nichts“, ein völlig unwichtiges Individuum, worauf er dann der Meinung ist, er würde sich tatsächlich in Luft auflösen und niemand könnte ihn mehr sehen.

Tatsächlich haben aber alle sechs Episoden eine sehr tiefsinnige Aussage, die auf verblüffend bildhafte und sehr eindringliche Weise dargestellt wird und dadurch erschreckend nahegeht. Oberflächlichkeit ist in „Verloren“ ein Fremdwort. Einerseits werden hier zwischenmenschliche Probleme durchleuchtet und Verhaltensweisen und Dogmen hinterfragt, andererseits finden diese Betrachtungen auf eine literarisch und philosophisch anspruchsvolle Weise statt, die den Geschichten jedoch nichts von ihrer Spannung und Dramatik nimmt.

Stilistisch gibt es bis auf ganz vereinzelte Wortwiederholungen überhaupt nichts auszusetzen. Die Texte verfügen über einen sehr vielseitigen und gepflegten Ausdruck, der generell unverbraucht wirkt, häufig sogar erfrischend kreativ. Auch Orthographie und Grammatik sind fehlerfrei.

Verloren“ ist für 0,99 € zu haben, meiner Meinung nach viel zu günstig, denn es bietet aussagekräftige Texte, knisternde Spannung und hochwertiges Schreibhandwerk. Für die schnelle Lektüre zwischendurch ist das Buch sicher nicht geeignet, da es zu nachdenklich stimmt und in Ruhe nachklingen möchte. Es ist anspruchsvolle Literatur, die Aufmerksamkeit verdient hat.

Rezension zu „Das Dunkle“ von Rita Bittner

Kurzgeschichten „von zart bis hart“

Die Autorin Rita Bittner ist auf BookRix als „Mondkatz“ bekannt. Sie hat nun 13 ihrer Kurzgeschichten zu einem Sammelband namens „Das Dunkle“ vereint. Thematisch dreht sich dieser um die Konfrontation mit dem Bösen, weshalb er unter Stichworten wie „Horror“ und „Grusel“ läuft. Ich habe ihn mir also einmal zu Gemüte geführt.

Buchcover Rita Bittner "Das Dunkle"Das Buch besteht aus 13 Geschichten zuzüglich eines Vor- und eines Nachwortes. Die einzelnen Texte sind voneinander unabhängig, sodass sie in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können. Sie alle sind auf ihre Art ungewöhnlich. In „Nachtschatten“ zum Beispiel macht die Protagonistin Mirjam in einer verlassenen Hütte in Norwegens Süden eine sonderbare Entdeckung. In eine ähnliche Richtung geht „Das verwunschene Haus“. Mein Favorit ist aber eindeutig „Die Wahrsagerin“. Hier begegnen wir Silke, einer erfolgreichen Frau im besten Alter, unabhängig und wohlhabend, aber auch ein wenig überheblich. Eines Tages bekommt sie von ihrer besten Freundin einen Gutschein für eine Sitzung bei der Wahrsagerin Madame Sylvia. Obwohl Silke dies für esoterischen Hokuspokus hält, löst sie das Geschenk doch ein. Dazu muss sie allerdings in ein anderes Viertel ihrer Stadt fahren, wo diejenigen wohnen, die weniger Glück im Leben haben als sie. Der Aufenthalt in dieser Gegend ist ihr sofort unangenehm, noch schlimmer wird es im Hochhaus und dem Appartement der hellsichtigen Dame. Silke kann ihre Abscheu nur mit Mühe verbergen. Nach der Sitzung kehrt sie wieder nach Hause zurück. Doch am nächsten Morgen ist nichts mehr so, wie es bisher gewesen ist. Zwar ist sie immer noch Silke, aber ihr Leben ist ein völlig anderes. Sie muss nun am eigenen Leibe erfahren, wie es ist, vom Schicksal gebeutelt zu sein. „Die Wahrsagerin“ beeindruckt dabei vor allem durch die äußerst gelungene Kombination aus Gruselgeschichte und Gesellschaftskritik, eine nicht ganz alltägliche, erfreulich kreative Mischung. Überhaupt bewegen sich die Texte auf einem angenehmen Niveau und sind frei von den üblichen Klischees aus dem Bereich der Horrorliteratur.

Stilistisch und orthographisch gesehen, ist das Buch weitestgehend in Ordnung. Ein paar Wortwiederholungen hier, sonstige Flüchtigkeitsfehler da, jedoch nichts, was den Lesefluss behindern würde. Im Nachwort entschuldigt sich die Autorin obendrein für die vorhandenen Versehen, was mich zum Schmunzeln gebracht hat.

Für 2,99€ bekommt man 254 BX-Seiten geboten, was ein ausgewogenes Preisleistungsverhältnis ergibt. Die 13 Geschichten sind allesamt flüssig und spannend geschrieben, sodass „Das Dunkle“ ein heißer Tipp für alle diejenigen ist, die dringend Lesestoff zum Gruseln suchen, dabei aber auch nicht unterfordert werden wollen. Die thematische Vielfalt der Texte spricht ebenfalls für das Buch. Man kann hier also kaum etwas falsch machen.

ISBN: 978-3-7309-0868-6

Rezension zu „Aufgesogen!“ von Johannes Peter

„Satire für Herz und Geist“

 

Heute wird es im Blog mal wieder heiter: „Aufgesogen!“ heißt nämlich eine Sammlung satirischer Texte des Schweizer Autors Johannes Peter, die alle im letzten Jahr entstanden sind und nun gemeinsam in einem Band bestaunt werden können. Da sie „für Herz und Geist“ gedacht sind, habe ich sie mir gleich mal angeschaut.

Buchcover Johannes Peter "Aufgesogen!"Das Buch enthält neun Kurzgeschichten plus ein Vorwort. Diese sind sowohl in Aufbau wie auch Ausrichtung recht unterschiedlich. Besonders gefallen hat mir „Alter Vampir“, das die Zahnprobleme eines greisen Blutsaugers schildert. Glücklicherweise kann ihm ein Zahntechniker eine passende Brücke anfertigen. In eine ganz andere, eher kritische Richtung geht der Text „Ich bin frei!“. Dieser behandelt die Thematik des Schwimmens mit dem Strom und die damit verbundene Illusion von Freiheit, denn letztere geht ja verloren, sobald man im Strom abtaucht. Der Autor hat diesen Widerspruch wunderbar umgesetzt. Ebenso gelungen, wie auch mit ähnlicher Aussage gibt sich „Drei Mal Rosie“ zum Schönheitswahn.

Die Ausarbeitung der Texte ist sehr gut. Es gibt außer vereinzelten Flüchtigkeitsfehlern nichts auszusetzen. Die thematische Variation der Sammlung ist zufriedenstellend. Dazu gesellen sich noch ein paar Fotos, die zu den Geschichten passen. Gelegentlich blitzt die Schweizer Mundart ein wenig zwischen dem gepflegten Schriftdeutsch hervor, was sehr sympathisch wirkt. Ein bisschen mehr davon hätte mir gefallen.

Für den Download werden 2,49€ veranschlagt. Dafür erhält man 64 BookRix-Seiten mit geistreichen Geschichten, die sowohl heiter wie auch nachdenklich stimmen. Für Leser, die nach anspruchsvollem Humor suchen, ist dieser Sammelband auf jeden Fall einen Blick wert.

 

ISBN: 978-3-7309-0821-1

Rezension zu „Mörderische Geschichten“ von Petra Ewering

„Kurzkrimis skurril und spannend!“

Die Autorin Petra Ewering ist auf BookRix keine Unbekannte. Zahlreiche Bücher hat sie bereits unter ihrem Nutzernamen „Szirra“ verfasst und hochgeladen. Nun ist ein Sammelband aus ihrer Feder erschienen, der den Titel „Mörderische Geschichten“ trägt und insgesamt 15 Kurzkrimis enthält.

Buchcover Petra Ewering "Mörderische Geschichten"Die Autorin stellt hier ihre Vielseitigkeit unter Beweis. Manche Episode ist recht bedrückend, so etwa „Denen einen Stunde fehlt“, dann wieder erheitert ein geschildertes Delikt beim Lesen und sorgt für vergnügtes Schmunzeln. So geht es bei „Der Höschendieb“ tatsächlich um ein entwendetes Kleidungsstück, das Jahre später zu Zerwürfnissen führt. Mal erleben wir die Geschehnisse aus der Sicht des Täters, dann wieder aus der des Opfers, oder wir werden Zeuge eines Verbrechens. Manchmal steht die eigentliche Straftat auch gar nicht im Mittelpunkt, sondern bildet lediglich den Rahmen für die Handlung, die sich dann in eine ganz andere Richtung entwickelt. Für Abwechslung ist also gesorgt. Ziemlich makaber und deshalb auch mein Favorit ist „Tödliche Buchstaben“. Darin verabreden sich zwei Eheleute in einem Londoner Hotel. Sie müssen berufsbedingt zu unterschiedlichen Zeiten in die britische Hauptstadt fliegen. Der Mann, als erster am Zielort, schickt seiner Gattin eine Mail. Doch leider wird diese durch eigenartige Umstände fehlgeleitet und das hat bei der neuen Empfängerin ganz fatale Auswirkungen. Ebenso gelungen, aber wesentlich mysteriöser gibt sich „Die weiße Frau“, auf jeden Fall ein Lesetipp.

Die Wortwahl ist durchweg einfalls- und variantenreich. Bei Rechtschreibung und Grammatik haben sich ein paar Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. In der stets reichlich vorhandenen Spannung gehen diese jedoch unter und stören daher nicht sonderlich. Am meisten überzeugen die Geschichten durch ihre Handlung. Die Plots sind originell und kurzweilig konzipiert. Sie wirken frisch und kess, aber niemals altbacken. Petra Ewering hat den Dreh raus, wie eine erfolgreiche Mischung aus Krimi und heiterem bis makaberem Humor herzustellen ist.

Bei 122 Seiten im BookRix-Format ist ein Preis von 2,99€ für den Download durchaus angemessen. Als Sammlung eigenständiger Kurzgeschichten bietet sich das Buch geradezu an, wenn man unterhaltsamen, spannenden Lesespaß sucht. Es ist daher und vor allem auch wegen der erfreulichen thematischen und konzeptionellen Vielfalt der einzelnen Texte nicht nur für Krimi-Fans interessant, sondern spricht ein breites Publikum an. Das sei ihm gegönnt!

ISBN: 978-3-7309-0775-7