Schlagwort-Archive: Prosa

Nachdenkliche Literatur:

Gedanken über eine ungeahnte Sehnsucht.

Geschichten aus dem Leben bietet uns der Autor Mathias Erhart in seinem Text „Der alte Mann mit dem Einkaufswagen und das Mädchen mit den traurigen Augen“. Allerdings handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Geschichte. Wir lernen hier zwei Menschen kennen, die auf den ersten Blick recht unterschiedlich wirken, aber doch eine Sehnsucht teilen, ohne es zu wissen.
Dabei stellt Mathias Erhart die beiden Charaktere sehr ausführlich, facettenreich und plausibel dar. Ihr Gefühle sind ebenso nachvollziehbar wie ihre Gedankengänge. Hinzu kommt die Beschreibung äußerlicher Einflüsse wir etwa des tristen Spätherbstwetters, die das ihre zur Stimmung des Textes beitragen.
Beim Lesen wird man also ganz aufgesogen von dem, was die beiden Protagonisten erleben und fühlen. Es kommt zu einer ungewöhnlichen Mischung von Melancholie und Schwere auf der einen Seite und dem ganz persönlichen Glück auf der anderen. Und diese Mischung ist es, die der Autor präzise und gekonnt ausarbeitet und nachempfindbar formuliert.
Wenn man überhaupt etwas kritisieren möchte, dann sind es die ein wenig umständlichen Relativsätze im ersten Abschnitt des Textes. Diese wären unauffälliger, wenn sie nach dem finiten Verb eingefügt worden wären. Aber wie gesagt, dieser Mangel betrifft lediglich den Anfang und tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Ansonsten ist der Schreibstil solide und variantenreich, der Ausdruck bis ins Detail ausgefeilt.
Ich möchte Euch diese Geschichte daher ans Herz legen, da sie mich sehr beeindruckt hat.

Literatur der anderen Art:

Silbenmilben und Kommaspinnen

Was man so alles entdeckt, wenn man lange genug in der BX-Bibliothek stöbert; da stößt man also auf ein Buch, das etwas von einer „Invasion der Silbenmilben und Kommaspinnen“ zu berichten weiß. Als Untertitel steht die Frage: „Überraschung gefällig?“ Und genau die ergibt sich, sobald man beginnt, den Text zu lesen. Der Autor Thomas Reubold alias lemmy1211 spielt hier mit Worten, wie es Virtuosen mit ihren Instrumenten tun; er schreibt nicht einfach eine Geschichte, sondern er komponiert Worte; es finden sich in diesem Text fast ausnahmslos Mehrfachkomposita, meistens aus mehr als zwei Morphemen (Wortbestandteilen), die nicht nur angestaubte Lesegewohnheiten durchkreuzen sondern auch verblüffend aussagekräftig und kreativ sind. Mein Favorit ist der „Maggifixschaschlikspiesser“, der ist nicht nur ulkig, er hat auch einen so originellen Sinn, daß man einfach nur staunen kann, was mit Sprache so alles ausdrückbar ist.

Demnach ist die „Invasion der Silbenmilben und Kommaspinnen“ empfehlenswert, weil es alle ausgetretenen Pfade verläßt und sprachliches und auch grammatikalisches Neuland betritt. Fazit: Keine Spinnenphobie bitte!

Rezension zu „Trügerisches Spiel“:

Aufwühlende Prosa von Spreemann.

Mal wieder ist es an der Zeit, einen literarischen Schatz zu heben, T. Spreemanns „Trügerisches Spiel“. Dabei handelt es sich um eine außergewöhnliche Kurzgeschichte. Sowohl sprachlicher Ausdruck wie auch Plot sind beeindruckend. Da wird ein dunkles, bedrohliches Szenario eindrucksvoll geschildert, wobei man sich während des Lesens selbst in der tragischen und völlig aufwühlenden Handlung gefangen fühlt. Die Emotionen des Protagonisten wirken überaus erdrückend, und so beginnen nach dem offenen Ende die eigenen Gedanken unweigerlich zu kreisen, was nun wohl geschehen wird.
Sprachlich ist der Text auch deshalb so gut geglückt, weil T. Spreemann – wie er selbst schreibt – „bei den großen Schriftstellern der Vergangenheit und Gegenwart in die Lehre“ geht. Das Ergebnis läßt bei „Trügerisches Spiel“ keinen Zweifel daran aufkommen, daß er dieses Unterfangen ernsthaft betreibt. Zwar wirken manche Satzkonstrukte ein wenig zu komplex, und das ein oder andere Partizip hätte auch gerne eine finite Verbform werden dürfen, aber insgesamt kann „Trügerisches Spiel“ als eine rundum gelungene Kurzgeschichte bezeichnet werden.