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„Lieber schlaflos leben, als schlafend sterben!“

„Lieber schlaflos leben, als schlafend sterben!“

Heute wird es im Blog mal wieder etwas düsterer, denn das Buch „Verloren“ von Jo W. Gärtner steht nun im Fokus. Es befindet sich seit ein paar Tagen in der offiziellen Empfehlungsliste von BookRix, was nicht zu unrecht der Fall ist, denn es hat wirklich was zu bieten.

Buchcover Jo W. Gärtner "Verloren"Verloren“ enthält sechs kurze Prosatexte, die sich alle mit dem gleichen Thema befassen, nämlich der Ausweglosigkeit, der Gewissheit, nicht mehr entrinnen zu können. Leichte Kost ist gewiss keine von ihnen. Immer geht es um eine Form des Leides, das die jeweilige Hauptfigur erdulden muss. Die Versuche, daraus zu entrinnen, scheitern meist kläglich.

Am ausdrucksstärksten ist dabei „Sie wollen mir Flügel geben“. Bei dieser Episode erschließt sich der Bezug des Titels zum Inhalt erst ganz am Schluss. Dann allerdings erkennt man die verstörende Wahrheit hinter dem Text, die betroffen macht. Dennoch ist „Auflösen“ mein Favorit. Hier wird nämlich sehr eindrucksvoll in einer Metapher abstrahiert, was der Protagonist empfindet. Er denkt, er wäre ein „Nichts“, ein völlig unwichtiges Individuum, worauf er dann der Meinung ist, er würde sich tatsächlich in Luft auflösen und niemand könnte ihn mehr sehen.

Tatsächlich haben aber alle sechs Episoden eine sehr tiefsinnige Aussage, die auf verblüffend bildhafte und sehr eindringliche Weise dargestellt wird und dadurch erschreckend nahegeht. Oberflächlichkeit ist in „Verloren“ ein Fremdwort. Einerseits werden hier zwischenmenschliche Probleme durchleuchtet und Verhaltensweisen und Dogmen hinterfragt, andererseits finden diese Betrachtungen auf eine literarisch und philosophisch anspruchsvolle Weise statt, die den Geschichten jedoch nichts von ihrer Spannung und Dramatik nimmt.

Stilistisch gibt es bis auf ganz vereinzelte Wortwiederholungen überhaupt nichts auszusetzen. Die Texte verfügen über einen sehr vielseitigen und gepflegten Ausdruck, der generell unverbraucht wirkt, häufig sogar erfrischend kreativ. Auch Orthographie und Grammatik sind fehlerfrei.

Verloren“ ist für 0,99 € zu haben, meiner Meinung nach viel zu günstig, denn es bietet aussagekräftige Texte, knisternde Spannung und hochwertiges Schreibhandwerk. Für die schnelle Lektüre zwischendurch ist das Buch sicher nicht geeignet, da es zu nachdenklich stimmt und in Ruhe nachklingen möchte. Es ist anspruchsvolle Literatur, die Aufmerksamkeit verdient hat.

Rezension zu „Tod“ von Patricia Radda

„Du liest nicht gerne Gedichte? Dann solltest du diese Gedichte lesen.“

 

Buchcover Patricia Radda "Tod"Das soeben genannt Zitat stammt aus dem Klappentext eines Gedichtbandes, der den Titel „Tod“ trägt und diesen in lyrischer Form behandelt. Er stammt aus der Feder einer Autorin, die heute hier im Blog für ein Novum sorgt: Patricia Radda – Nutzername trisha.books – ist nämlich die erste Autorin, von der zwei Werke im Rahmen dieser Rezensionsreihe vorgestellt worden sind. Diesen erfreulichen Umstand verdankt sie natürlich ihrer dichterischen Kreativität.

Aber fangen wir vorne an. „Tod“ ist ein kaufbare e-Book, das für 1,99 € herunterladbar ist. Es enthält insgesamt 13 Gedichte, wobei ich annehme, dass die Anzahl beabsichtigt sein dürfte. Die einzelnen Texte unterscheiden sich jeweils in Aufbau, Metrum und Inhalt; manche wirken recht bedrückend, andere hingegen weisen ein gewisses Maß an Humor oder Ironie auf. Alle sind ausdrucksstark und innovativ. Sie wirken eigenständig und eigenwillig, lösen sich ganz deutlich von vorhandenen Mustern und lassen einen offenen Geist erkennen, der für ihre Entstehung verantwortlich zeichnet. Gelegentlich haben sich allerdings ein paar Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, die aber den Gesamteindruck nicht trüben.

Besonders gefallen hat mir „Der Kalender begeht Selbstmord“, eine Satire über unsere alltägliche Hektik, die das Verwalten unzähliger Termine verlangt. In diesem Gedicht spricht ein Kalender, der mit seiner Aufgabe allerdings ein wenig überfordert ist und daher schließlich den Freitod wählt. Sehr einfallsreich und humorvoll! Kurz und bündig gibt sich im Gegensatz dazu „Fragen“, das seinem Titel alle Ehre macht.

Das letzte Gedicht heißt „Leben“, womit also dem Gegenpart des Todes das Schlusswort gehört. Das drückt eine Hoffnung aus, bejaht die Existenz und rundet das Thema dadurch ab, denn ohne das Leben würde es auch den Tod nicht geben.

Ich finde diesen Gedichtband sehr erstaunlich, da die Art, wie die einzelnen Texte das Thema beleuchten, ehrlich, aufgeschlossen und unverbraucht erscheint. Man muss sich beim Lesen nicht ständig an irgendwelche Klassiker erinnert fühlen, sondern kann getrost gewohnte Pfade verlassen und sich für ganz neue Eindrücke öffnen. Daher ist auch der Kaufpreis mehr als gerechtfertigt.

  

ISBN 978-3-95500-016-5

Rezension zu „Der Geschichtenerzaehler“ von Judith H

„Und sie ist eiskalt.“

Die Autorin Judith H nennt sich „judyjudy“. Würde man ihren Text „Der Geschichtenerzaehler“ lesen, ohne vorher auf ihre Profilseite geschaut zu haben, käme man sicher niemals auf die Idee, dass Judith H erst 16 Jahre alt ist. Ihr Text wirkt nämlich recht ausgereift, weshalb ich ihn auch hier im Blog vorstellen möchte.
Die Handlung spielt sich in einem überfüllten Pub ab, wo sich das gesamte Dorf zum Ausklang des Abends auf einen feuchtfröhlichen Plausch eingefunden hat. Die ausgelassene Stimmung wird jedoch jäh unterbrochen, als ein Fremder eintritt, dessen Gesicht man unter seiner schwarzen Kapuze kaum erkennen kann. Er sagt, er wolle eine Geschichte erzählen. Er berichtet von einem Mann, der bei winterlicher Kälte ums Leben gekommen ist. Doch während er dies von sich gibt, ereilt eine Frau im Pub ein plötzlicher Tod. Nun wird den Dorfbewohnern klar, wer ihr mysteriöser Besucher ist.
Judith H schreibt für ihr Alter recht gut. Das ein oder andere Komma fehlt zwar und dann und wann findet sich eine Wortwiederholung, aber insgesamt wirkt der sprachliche Ausdruck der Autorin ausgewogen und wohl überlegt. Ebenfalls gelungen ist die Beschreibung der Handlung, auch wenn zu Beginn der Barkeeper vorgestellt wird, der anschließend keine wichtige Rolle mehr spielt. Judith H versteht es auf jeden Fall, eine ungewöhnliche Situation spannend und mitreißend darzustellen, sodass man zu dem Schluss kommen muss, dass sie ein Talent für das Schreiben besitzt.
„Der Geschichtenerzaehler“ ist eine faszinierende Kurzgeschichte, die ich wärmstens empfehlen kann.

Rezension zu „Um dich geweint…“ von Sarah Wand

„Ein einziges, weltbedeutendes Mal.“

Die Autorin Sarah Wand nennt sich auf BookRix „densetsu“. Ihre Kurzgeschichte „Um dich geweint…“ beschreibt den Versuch der Ich-Erzählerin, mit dem kürzlich erlittenen Verlust der besten Freundin durch einen Verkehrsunfall umzugehen. Dabei ist die Art und Weise, wie Sarah Wand das Thema aufarbeitet, sehr beeindruckend, weshalb ich Euch den Text anempfehlen möchte.
Die Ich-Erzählerin quält sich wegen der Frage, warum sie nicht um ihre verstorbene Freundin weinen kann. Wie im Rausch begibt sie sich in die Kirche, in welcher das Unfallopfer oft gebetet hat. Sieben Perlen aus dem zerrissenen Rosenkranz sind erhalten geblieben, doch schon als sich die Protagonistin dem bevorzugten Platz ihrer Freundin nähert, beginnen in ihr alle Dämme zu brechen. Es folgt eine Sturmflut der Emotionen, die alles mit sich fortreißt und schließlich auch die bisher vermissten Tränen hervorbringt.
Sarah Wands Schreibstil ist sehr gut. Nur ein paar vereinzelte Wortwiederholungen trüben dann und wann das Bild. Ansonsten überzeugt der sprachliche Ausdruck durch Präzision und Variantenreichtum. Die Beschreibung der verschiedenen Gefühlszustände gelingt ihr voll und ganz, sodass man beim Lesen selbst im Strom der Empfindungen davontreibt. Auch die Symbolsprache um die Perlen des Rosenkranzes, die am Schluss auf den Boden fallen, ist gekonnt eingesetzt.
Zwar ist die Geschichte recht traurig, aber angesichts der gelungenen Umsetzung kann sie empfohlen werden.

Rezension zu „Vom Tod und meinem Engel“ von Zeki Yilmaz

Was kommt nach dem Tod?

Der Autor Zeki Yilmaz, auf BookRix unter dem Namen „durion“ registriert, stellt in seinem Text „Vom Tod und meinem Engel“ eine ganze Menge Fragen, die ihm im Kopf herumgeistern. Immer geht es dabei um ein Thema: Was passiert, wenn der Tod an die Tür klopft und die Lebenszeit abgelaufen ist?

Das Werk verfügt über einen wohlgestalteten, präzisen Ausdruck und vermittelt so die Gedankengänge des Autors in klarer und nachvollziehbarer Art. Die Interpunktion ist bisweilen ein wenig freizügig, den Lesefluss stört dies aber kaum.

Besonders hat mir gefallen, dass der Autor trotz seines intensiven Nachgrübelns nicht zu einem allgemeingültigen Schluss gelangt. Er betont stattdessen eine eher neutrale Sichtweise der Dinge, das Grau zwischen dem Schwarz und dem Weiß. Eben dieses Grau kann gut oder böse sein, nur kann man nicht von vornherein davon ausgehen, dass das Leben von Extremen bestimmt wird. Was für den einen Menschen schön wirkt, findet ein anderer vielleicht nicht so schön.

Ich denke zwar, dass der Autor noch ein wenig zu jung ist, um sich mit der Frage zu befassen, wann und wie er umkommt, aber letztlich kommt man nach dem Lesen seines Textes zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass es überall passieren kann. Vorher sollte man „Vom Tod und meinem Engel“ aber noch gelesen haben.