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Rezension zu „Warum ich?“ von Bonnyb

„Ich bin nur ein Mensch.“

Die Autorin Bonnyb ist auf BookRix sehr bekannt, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie die Nutzerin mit den meisten Herzen ist. Ihr bevorzugtes Genre ist die Gay-Romanze, bisweilen – nicht ganz treffend – als „Homoerotik“ bezeichnet. Und eben dieses Genre hat bereits für hitzige Diskussionen gesorgt, da es offenkundig sehr polarisierend wirkt. „Schmuddelig“ nennen es die Einen, „sinnlich“ die Anderen. Daher habe ich mir nun einen Roman von Bonnyb vorgenommen, nämlich „Warum ich?“, um herauszufinden, wie sie die Thematik tatsächlich umsetzt.

Buchcover Bonnyb "Warum ich?"Thomas Kramer, der Protagonist des als Drama eingestuften Buches, hat ein erfülltes Leben. Er ist glücklich verheiratet, Vater zweier Kinder und in seinem Beruf sehr erfolgreich. So wie auch seine Frau hat es ihn an die Schule verschlagen. Dort unterrichtet er Französisch und Geschichte. Bei den Schülern ist er wegen seiner aufgeschlossenen Art durchaus beliebt. Doch eines Tages gerät alles aus den Fugen. Dabei fängt es so harmlos an: Thomas’ Sohn bekommt einen neuen Klassenkameraden namens Jannis, mit dem dieser sich schon bald anfreundet. Folglich kommt Jannis ab und an zu Besuch. Schüchtern fragt er dann nach Nachhilfestunden, die ihm Thomas geben soll. Der aufmerksame Lehrer erkennt schnell, dass im familiärem Umfeld des Jugendlichen gewisse Missstände herrschen, auch dass Jannis selbst erhebliche psychische Probleme hat. Thomas nimmt sich des Jungen an, doch ganz plötzlich ist da mehr als nur pädagogische Fürsorge. Er gerät in einen Strudel aus Emotionen, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

Die Geschehnisse werden bereits auf den Seiten fünf bis zehn kurz von Thomas geschildert, bevor dann eine ausführliche Rückschau stattfindet. Obwohl man also schon weiß, wie die ganze Geschichte letztlich endet, empfindet man beim Lesen des Hauptteils keinerlei Langeweile. Dafür ist einfach zu viel Spannung vorhanden. Man erlebt das Wechselbad der Gefühle, in welchem Thomas unterzugehen droht, im Geiste deutlich wahrnehmbar mit. Die Schwärmerei von Jannis für den Lehrer, der sich um ihn kümmert, beginnt ganz sanft und unscheinbar, doch urplötzlich überschlagen sich die Ereignisse geradezu. Und dann hält die Geschichte doch noch die eine oder andere Überraschung bereit, mit der man schon gar nicht mehr rechnet. Diese möchte ich hier allerdings nicht vorwegnehmen.

Auch wenn Bonnyb hier ein ganz heißes Eisen anpackt, nämlich eine sexuelle Beziehung eines männlichen Lehrers zu einem männlichen, minderjährigen Schüler in Szene zu setzen, so steht diese letztlich nicht im Fokus des Romans. Vielmehr wird die menschliche Tragödie von Thomas behandelt und das geschieht auf eine recht ergreifende, ehrliche und nachfühlbare Weise. Es geht hier also in erster Linie um die Auswirkungen des begangenen Tabubruchs, um die Art, wie das soziale Umfeld des Protagonisten damit umgeht oder eben dies krampfhaft zu vermeiden sucht.

Der sprachliche Ausdruck ist zumeist sehr angenehm und abwechslungsreich ausgefallen. Bei der Rechtschreibung haben sich ein paar Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, die allerdings beim Lesen nicht weiter stören. Das Erzähltempo ist ideal und die Art und Weise, wie sich der Kreis zwischen Anfang und Ende schließt, überzeugt. Der Gesamteindruck ist also positiv.

Die Altersfreigabe ab 16 Jahren ist passend gewählt. Der Preis von 2,99€ für 162 lektorierte Seiten im BookRix-Format geht ebenfalls in Ordnung. Wer leichte Lektüre sucht, ist hier sicherlich falsch. „Warum ich?“ ist nichts für schwache Nerven und empfiehlt sich vor allem durch seine emotionale Dichte und die dramatische Handlung. Alles in allem ist es ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

ISBN: 978-3-7309-0816-7